Vergebung – Die Geduld des Herrn

Evangelium

Wer Kinder hat, weiß, was es heißt, auch mal die Geduld zu verlieren. Irgendwann sagen wir: „Jetzt reicht es; jetzt muss doch mal Schluss sein.“

Genau diese Frage stellt Petrus heute Jesus: „Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er gegen mich sündigt? Bis zu siebenmal?“

Man muss Petrus zugutehalten: Siebenmal ist schon ziemlich großzügig. Wer würde einem anderen siebenmal dieselbe Sache vergeben?

Aber Jesus antwortet: „Nicht bis zu siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal.“ Natürlich geht es Jesus nicht um die Zahl 490. Es geht nicht darum, eine Strichliste zu führen und beim 491. Mal zu sagen: Jetzt ist aber Schluss.

Jesus meint wohl eher: Hör überhaupt auf zu zählen! Und um deutlich zu machen, warum, erzählt er dieses drastische Gleichnis vom unbarmherzigen Gläubiger.

Da ist also dieser Mann, der bei seinem König eine unvorstellbar große Schuld hat: Zehntausend Talente. Heute wären mehr als das 10 Millionen Euro. Eine Summe, die ein normaler Mensch niemals hätte zurückzahlen können. Und dieser Mann bittet: „Hab Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen.“

Ein völlig unrealistisches Versprechen. Doch nun geschieht etwas Überraschendes. Der König sagt nicht einfach: Gut, dann gebe ich dir noch ein paar Jahre Zeit. Zahl so viel, wie du kannst. Nein! Er tut viel mehr. Er erlässt ihm die ganze Schuld. Der Mann bittet um Geduld – und bekommt Barmherzigkeit, völliges Erbarmen.

Und genau darin erzählt Jesus etwas über Gott. Denn wie oft bitten wir Gott: Herr, hab noch ein bisschen Geduld mit mir. Ich werde mich bessern. Beim nächsten Mal mache ich es bestimmt besser. Und Gott antwortet nicht mit einer verlängerten Zahlungsfrist. Er schenkt Vergebung.

Das ist vielleicht eine der schönsten Eigenschaften Gottes: Gott hat Geduld mit uns. Wir müssen uns also nur daran erinnern, wie oft wir mit guten Vorsätzen zu ihm kommen sind, wie oft wir sage: Jetzt ändere ich etwas. Jetzt werde ich konsequenter. Jetzt werde ich liebevoller, gelassener, aufmerksamer. Jetzt nehme ich mir mehr Zeit für Gott und für mein Mitmenschen. Und wie oft fallen wir doch wieder in unsere alten Gewohnheiten zurück?

Wir Menschen können uns irgendwann aufgeben. Gott tut das nicht.

In der Bibel zieht sich diese Erfahrung wie ein roter Faden durch die Geschichte Gottes mit den Menschen. Menschen wenden sich von Gott ab – und Gott sucht sie wieder. Menschen brechen den Bund – und Gott bietet ihn neu an. Menschen versagen – und Gott beginnt noch einmal mit ihnen.

Gott ist geduldig. Aber wir dürfen diese Geduld nicht mit Gleichgültigkeit verwechseln. Gott sagt nicht: Es ist völlig egal, was du tust. Es ist egal, ob du andere verletzt. Es ist egal, ob du schuldig wirst. Nein! Gerade weil Gott uns liebt, nimmt er unser Leben ernst. Seine Geduld bedeutet vielmehr: Du bist mehr als dein Versagen. Ich gebe dich nicht auf. Du kannst neu anfangen. Vielleicht fällt es uns schwer, das zu glauben.

Denn nicht nur mit anderen Menschen verlieren wir die Geduld. Wie schnell verlieren wir auch sie mit uns selbst? Da gibt es Eigenschaften, die wir gerne loswerden würden. Fehler, die wir immer wieder machen. Dinge in unserem Leben, von denen wir gedacht haben: Das müsste ich doch inzwischen eigentlich besser können. Und dann kann man ziemlich unbarmherzig mit sich selbst werden. Vielleicht dürfen wir dann etwas von Gottes Geduld lernen. Wenn Gott Geduld mit mir hat – warum sollte ich mich selbst abschreiben?

Aber das Evangelium geht noch einen Schritt weiter.

Der Knecht, dem diese riesige Schuld aus Erbarmen völlig erlassen wurde, der trifft nun einen anderen Menschen, der ihm eine vergleichsweise kleine Summe schuldet. Sagen wir 10 Euro. Und dieser bittet ihn mit fast denselben Worten: „Hab Geduld mit mir!“ Aber der eben noch Begnadigte hat keine Geduld. Er lässt seinen Mitmenschen ins Gefängnis werfen, bis alles zurückgezahlt ist. Und genau hier wird das Gleichnis unbequem.

Jesus sagt uns: Wer von der unendlichen Geduld Gottes lebt, kann nicht gleichzeitig ungeduldig und unbarmherzig mit seinen Mitmenschen sein. So wie wir.

Das bedeutet nicht, dass Vergebung immer einfach wäre. Es gibt Verletzungen, die tief sitzen. Es gibt Schuld, deren Folgen man nicht einfach mit einem freundlichen „Schwamm drüber“ beseitigen kann. Christliche Vergebung bedeutet auch nicht, Unrecht gutzuheißen oder so zu tun, als sei nichts geschehen. Aber sie bedeutet: Ich will den anderen nicht für immer auf seine Schuld festlegen. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass Veränderung möglich ist. Vielleicht ist genau das Geduld im christlichen Sinn. Geduld heißt nicht, alles hinzunehmen. Geduld heißt: Ich gebe dich nicht vorschnell auf.

Das ist nicht leicht. Aber vielleicht können wir genau das in dieser Woche einmal ganz konkret versuchen. Bei einem Menschen, bei dem wir innerlich schon denken: Der ändert sich sowieso nicht. Bei jemandem, dessen Eigenarten uns immer wieder nerven. Oder bei uns selbst, wenn wir wieder einmal feststellen, dass wir nicht so vollkommen sind, wie wir gerne wären. Dann könnten wir uns daran erinnern: Gott verliert die Geduld mit mir nicht. Gott führt keine Strichliste über unsere Fehler. Er zählt nicht bis sieben. Und auch nicht bis siebzigmal siebenmal. Er hört nicht auf, uns zu suchen. Er hört nicht auf, uns Vergebung anzubieten. Er hört nicht auf, an die Möglichkeit eines neuen Anfangs zu glauben. Und wer erfahren hat, wie geduldig Gott mit ihm ist, der kann vielleicht auch selbst ein wenig geduldiger werden: Mit anderen – mit  dem Leben – und auch mit sich selbst.

(Predigt in der Wort-Gottes-Feier zum 24. Sonntag im Jahreskreis A, 12.9.2026, in St. Hildegard, Berlin-Frohnau)

Bild: privat

 

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