Erntedank


Evangelium

Wir feiern Erntedank, und dann hören wir heute dieses merkwürdige Evangelium – von den zwei ungleichen Brüdern. Da liegt die Frage nahe: Was hat das mit Erntedank zu tun? Geht’s da nicht um was ganz anderes? Und es stimmt: Wenn wir Erntedank feiern, dann richtet sich unser Blick zunächst auf all das, was vor uns liegt: auf Brot und Früchte, auf Gemüse und Getreide, auf die Blumen und all die Gaben der Erde.

Und vielleicht werden manche sogar denken: Erntedank – das ist doch eigentlich ein Fest aus einer anderen Zeit. Aus einer Zeit, in der die meisten Menschen noch unmittelbar von der Landwirtschaft lebten und genau wussten, was eine gute oder schlechte Ernte bedeutet. Heute gehen wir in den Supermarkt. Die Regale sind hier bei uns – Gott sei Dank – fast immer voll. Erdbeeren gibt es auch im Winter, Äpfel das ganze Jahr. Und wenn etwas bei uns nicht wächst, wird es eben aus einem anderen Teil der Welt hergebracht. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – brauchen wir Erntedank.

Denn Erntedank erinnert uns an etwas, das wir leicht vergessen: Wir leben von Dingen, die wir nicht selbst machen können. Natürlich: Menschen säen und ernten. Menschen arbeiten auf den Feldern, verarbeiten Lebensmittel, transportieren und verkaufen sie. Dahinter stehen viel Arbeit, Wissen und Technik. Aber dass ein Samenkorn überhaupt wachsen kann, dass aus einem winzigen Korn eine Ähre wird, dass Regen fällt und die Sonne scheint, dass die Erde fruchtbar ist – all das können wir nicht herstellen. Wie schmerzlich wird uns das bewusst, wenn es Unwetter gibt, Dürreperioden, Ernteausfälle. Wir können vieles tun. Aber das Leben selbst können wir nicht machen. Erntedank bedeutet: Ich weiß, dass das Leben, auch mein Leben, letztlich Geschenk ist.

Und plötzlich geht es um viel mehr als allein um Lebensmittel. Was haben wir denn wirklich aus eigener Kraft? Dass wir heute Morgen aufgewacht sind? Dass unser Herz schlägt? Dass Menschen da sind, die uns lieben? Dass wir Fähigkeiten besitzen, mit denen wir etwas anfangen können?

Dass wir glauben, dass wir hoffen, dass wir lieben können? Vieles davon nehmen wir selbstverständlich hin. Vielleicht merken wir erst dann, wie kostbar es ist, wenn es plötzlich fehlt. Erntedank lädt uns deshalb ein: einmal nicht zuerst darauf zu schauen, was uns fehlt, sondern darauf, was uns geschenkt ist.

Jede und jeder ganz persönlich: Wofür kann ich Gott danken? Vielleicht für einen Menschen, der mich begleitet. Für meine Familie. Meine Freunde. Für meine Arbeit oder für eine Aufgabe, die meinem Leben Sinn gibt.

Für die Gesundheit – soweit sie mir geschenkt ist. Für einen Menschen, der mir in einer schwierigen Situation geholfen hat.
Vielleicht auch einfach dafür, dass ich heute hier sein kann. Dankbarkeit verändert unseren Blick auf das Leben. Sie bedeutet nicht, dass plötzlich alles gut wird. Natürlich kennt ein dankbarer Mensch genauso Krankheit, Sorgen, Enttäuschungen und Verluste. Aber er entdeckt mitten darin: Mein Leben besteht nicht nur aus dem, was mir fehlt. Es besteht auch aus dem, was mir geschenkt ist.

Und da hören wir das heutige Evangelium:

Jesus erzählt von dem Vater und seinen zwei Söhnen. Der Vater bittet beide, ihm zu helfen, im Weinberg zu arbeiten. Der erste sagt sofort: „Nein, ich will nicht.“ Aber gleich drauf bereut er es und hilft doch. Der zweite antwortet: „Ja, Herr!“ – Er sagt sogar „Herr“, Kyrios, zu seinem Vater, aber er geht nicht und hilft nicht. Und Jesus fragt: Wer von beiden hat den Willen des Vaters erfüllt? Die Antwort ist eindeutig. Jeder würde sagen: natürlich der erste. Denn bei Gott zählt nicht nur das schöne Wort. Es zählt, was daraus wird. Und genau darin bekommt dieses Evangelium an Erntedank eine besondere Aktualität.

Wir können heute sehr schön sagen: „Danke, Gott, für deine Schöpfung.“ Wir können schöne Lieder singen und den Altar mit den Früchten der Erde schmücken. Aber Gott könnte uns fragen: Was macht ihr mit dem, wofür ihr mir dankt?Wenn wir Gott für die Schöpfung danken – wie gehen wir mit ihr um? Wenn wir Gott für unsere Lebensmittel danken – wie gehen wir mit Lebensmitteln um? Wenn wir Gott dafür danken, dass wir genug haben – sehen wir diejenigen, die nicht genug haben? Wenn wir Gott für unsere Fähigkeiten danken – setzen wir sie auch für andere ein? Wenn wir Gott für unsere Zeit danken – schenken wir davon auch einem Menschen, der uns braucht? Erntedank bleibt deshalb nicht beim Danke stehen. Aus Dankbarkeit wächst Verantwortung. Vielleicht könnte man sogar sagen: Die eigentliche Antwort auf Gottes Gaben besteht darin, selbst zu einer Gabe zu werden.

Der Apostel Paulus sagt heute in der zweiten Lesung etwas Ähnliches: „Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen.“ Und dann stellt er uns Christus selbst vor Augen. Jesus hält nicht an sich selbst fest. Er verschenkt sich. Er wird Mensch. Er wird Diener. Der Diener aller. Er gibt sein Leben hin – für alle. Das ist die Bewegung Gottes: Gott schenkt sich. Und wer aus diesem Geschenk lebt, der kann beginnen, selbst zu schenken.

Vielleicht liegt darin sogar ein Schlüssel für unser christliches Leben, für ein erfülltes Leben: Nicht, was bekomme ich? Sondern, was kann durch mich zum Geschenk für andere werden? Meine Zeit. Meine Aufmerksamkeit. Meine Fähigkeiten. Meine Hoffnung. Manchmal einfach ein gutes Wort und eine Hand zu halten. Wenn wir heute auf die Erntegaben schauen, können wir darin ein Bild unseres ganzen Lebens erkennen. Eine Frucht ist nicht für sich selbst da. Ein Apfelbaum isst seine Äpfel nicht selbst. Ein Weizenkorn bringt Frucht, damit daraus Brot werden kann.

Vielleicht ist das auch unsere Berufung als Christen: Frucht zu bringen. Gar nicht unbedingt durch große und außergewöhnliche Dinge. Sondern dort, wo Gott uns hingestellt hat. In unseren Familien. In der Nachbarschaft. In unserer Gemeinde. Am Arbeitsplatz. Bei Menschen, die einsam sind; denen, die unsere Hilfe brauchen.

Wir danken heute nicht nur für die Früchte, die wir empfangen haben, wir dürfen, ja wir müssten uns auch fragen: Welche Früchte bringt eigentlich mein Leben hervor? Wo wächst durch mich etwas von der Liebe Gottes? Wo entsteht durch mich Hoffnung? Wo erfährt ein Mensch durch mich, dass er nicht vergessen ist? Wo wird durch mich Versöhnung möglich?

Vielleicht ist das am Ende die wichtigste Ernte unseres Lebens. Denn eines Tages werden all die Dinge, die wir besitzen, keine Rolle mehr spielen. Aber die Liebe, die wir geschenkt haben, die bleibt. Darum feiern wir Erntedank.

Wir schauen auf das, was Gott uns schenkt, und sagen: Danke, Herr, für das Leben, für deine Schöpfung! Danke für die Menschen an unserer Seite! Danke für alles, wovon wir leben! Und hoffentlich bleiben nicht bei schönen Worten stehen, sondern können bitten Gott bitten:

Hilf uns, dass wir deinen Gaben so umgehen, dass auch andere durch UNS beschenkt werden. Aus dem, was wir empfangen haben, selbst zum Segen für andere zu werden.

(Predigt in den Erntedankgottesdiensten am 26. Sonntag im Jahreskreis A, 26.9.2026 in St. Judas Thaddäus, Hohen Neuendorf, und St. Hildegard, Berlin-Frohnau, sowie 27.9.2026, St. Nikolaus, Berlin-Wittenau)

Bild: privat

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