
Heute beginnt das Evangelium ganz wunderbar: Gott lädt zu einem Fest ein. Jesus sagt nicht: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einer Prüfung, die man bestehen muss. Er sagt auch nicht: Es ist wie mit einer Pflicht, die man erfüllen muss. Sondern: Es ist wie mit einer Hochzeit. Ein Fest. Ein gedeckter Tisch. Gemeinschaft. Freude. Das ist es, auf was wir zugehen.
Schon der Prophet Jesaja verwendet in der ersten Lesung genau dieses Bild: Gott bereitet für alle Völker ein Festmahl. Und dann steht da, finde ich, einer der schönsten Sätze der Bibel: Gott wird „die Tränen von jedem Gesicht abwischen“.
Das ist die Hoffnung unseres Glaubens: Am Ende wartet nicht das Nichts. Am Ende wartet Gott. Und bei ihm soll das Leben ganz werden. Die Fülle des Lebens erwartet uns. Dazu sind wir eingeladen. Doch dann bekommt das Evangelium eine überraschende Wendung. Die Eingeladenen kommen nicht. Nicht unbedingt, weil sie etwas gegen den König hätten. Sie haben einfach anderes zu tun. Einer geht auf seinen Acker, ein anderer in seinen Laden. Ja, sie wehren sich sogar gegen die Einladung und erschlagen die Diener. „Gott interessiert mich nicht.“ „Ich habe Besseres zu tun.“ Gerade in einer Großstadt wie Berlin kommen einem solche Sätze bekannt vor.
Wir können unser Leben so sehr mit anderem füllen, dass für Gott kaum noch Raum bleibt: Termine. Verpflichtungen. Arbeit. Freizeit. Das Smartphone. Die vielen kleinen Dinge des Alltags. Aber genauso auch Sorgen, Ängste, Einsamkeit. Alles ist da wichtiger als Gott. Die Einladung Gottes nimmt man da gar nicht mehr wahr.
Höchstens am Lebensende; da sind manche dann doch wieder offen für Gott. Doch Gottes Einladung gilt nicht erst irgendwann nach unserem Tod. Seine Einladung gilt heute. Wenn wir Gottesdienst feiern, wenn wir sein Wort hören, wenn wir beten. Aber vor allem auch, wenn wir Zeit füreinander haben. Wenn ein Mensch unsere Nähe braucht. Wenn wir vergeben könnten. Immer wieder sagt Gott: Komm! Ich möchte Gemeinschaft mit dir. Ich bin für dich da. Und Gott lädt alle ein. So wie der König hier im Evangelium. Alle. Nicht nur die Frommen. Nicht nur die Erfolgreichen. Nicht nur diejenigen, deren Leben gelungen ist. Die Türen werden für alle weit geöffnet.
Vielleicht ist das eine der schönsten Botschaften dieses Evangeliums: Bei Gott gibt es mehr Plätze, als wir manchmal denken. Kirche müsste deshalb viel mehr von diesem Festsaal sichtbar machen. Eine Gemeinschaft, in der Menschen spüren: Du darfst kommen. Du bist willkommen. Auch mit deinen Fragen. Mit deinen Brüchen. Mit deinen Zweifeln. Mit dem, was in deinem Leben nicht gelungen ist.
Du musst die Einladung nur annehmen. Sie kennen sicher das Deckengemälde von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle: Die Erschaffung Adams. Gott und Adam gegenüber; Gott steckt die Hand aus; auch Adam steckt seinen Arm; die Fingerspitzen der beiden ganz nah. Aber sie berühren sich nicht; es bleibt ein winziger Abstand. Wenn man genau hinschaut, sieht man, dass der Arm Gottes und seine Hand ganz ausgestreckt sind. Man sieht die Muskeln und merkt: Weiter kann er seine Hand nicht ausstrecken. Dagegen ist Adams Arm nicht ganz ausgestreckt. Er müsste seinen Finger nur ein kleines bisschen weiter bewegen, und schon würde er Gott berühren.
Ich lese dieses Bild so: Gott ist uns zugewandt, immer. Er lädt uns ein, immer. Egal, wie wir sind und wer wir sind. Es kostet uns nur eine kleine Bewegung, den Willen, selbst die Hand auszustrecken, sich ihm ebenso zuzuwenden wie er uns. Das Evangelium hier macht genau DAS deutlich an dem Gast, der ohne Hochzeitsgewand kommt. Ich denke nicht, dass es hier allein um die Kleidung geht. Damit will Jesus wohl eher deutlich machen: Gottes Einladung steht; sie ist sein Geschenk – aber sie bleibt nicht folgenlos. Wir müssen sie schon annehmen, und wer sich von Gott einladen lässt, dessen Leben soll sich verändern. Man kann nicht das Fest der Liebe Gottes feiern und gleichzeitig lieblos bleiben. Man kann nicht von Vergebung sprechen und niemals selbst vergeben wollen. Das meint dieses Bild des Gewandes. Wir müssen uns schon entsprechend verhalten. Man kann nicht Christus empfangen und den Menschen neben sich übersehen. Vielleicht ist genau das unser „Hochzeitsgewand“: dass etwas von der Liebe, die wir von Gott empfangen, durch uns für andere sichtbar wird. Gleich werden wir zur Kommunion eingeladen. Wir kommen nicht, weil wir vollkommen wären. Wir kommen, weil wir Christus brauchen. Wir strecken unsere Hand nach ihm aus. Und vielleicht können wir diesen Augenblick ganz bewusst erleben als eine persönliche Einladung Gottes: Komm! Setz dich zu mir!
Lass dich stärken! Und dann geh hinaus und bring etwas von meiner Liebe zu den Menschen!
Denn der Tisch Gottes ist gedeckt. Die Einladung steht.
(Predigt in der Wort-Gottes-Feier zum 28. Sonntag im Jahreskreis A, 11.10.2026, sowie der Hl. Messe, 12.10.2026, in St. Hildegard, Berlin-Frohnau)
Bild: Ausschnitt aus Michelangelos „Die Erschaffung Adams“, Vatikan, Sixtinische Kapelle, um 1510. Gemeinfrei nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Erschaffung_Adams#/media/Datei:The_Creation_Michelangelo_Italy_Vatican_-_Creative_Commons_by_gnuckx_(3492637506).jpg