
„Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört.“ Dieser Satz gehört wahrscheinlich zu den bekanntesten des ganzen Evangeliums. Er wird oft zitiert, aber vielleicht wird auch oft missverstanden. Denn oft wird der Satz so verstanden, als würde Jesus sagen: Haltet die Dinge schön auseinander! Auf der einen Seite gibt es die Politik, den Staat, die Gesellschaft – das ist öffentlich; dafür ist der Kaiser zuständig, also heute die Regierung, Parlamente, Parteien. Und auf der anderen Seite gibt es Gott, den Glauben, die Kirche – das ist dann eher Privatsache, und beide Bereiche sollte man trennen. Aber genau das sagt Jesus nicht.
Denn die Frage, die ihm die Pharisäer da stellen: „Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuern zu zahlen oder nicht?“, ist ja eine Falle. Wenn Jesus hier Ja sagt, kann man ihm vorwerfen, mit den römischen Besatzern gemeinsame Sache zu machen und damit Gottes Herrschaft über Israel in Frage zu stellen. Sagt er Nein, kann man ihn als Aufrührer bei den Römern anzeigen. Jesus durchschaut die Falle, indem er fragt: „Wessen Bild und Aufschrift ist das auf der Münze?“ – Klar! Des Kaisers. Und dann sagt er: „So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört.“
Entscheidend ist die Frage nach dem Bild. Auf der Münze befindet sich das Bild des Kaisers. Aber welches Bild befindet sich auf dem Menschen? Auf uns? Die Bibel gibt darauf schon auf den ersten Seiten eine sehr klare Antwort: Der Mensch ist Bild Gottes. „Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn“ (Gen 1,27). Wenn also die Münze das Bild des Kaisers trägt und deshalb dem Kaiser gegeben werden kann, was ihm gehört, dann trägt der Mensch das Bild Gottes. Und deshalb gehört der Mensch letztlich keinem Kaiser, keinem Staat, keiner Partei, keiner Ideologie und keinem Wirtschaftssystem. Der Mensch gehört Gott und Gott allein. Und genau deshalb ist Christsein eben nicht privat, sondern immer auch politisch.
Nicht parteipolitisch! Das Evangelium schreibt uns nicht vor, welche Partei wir wählen sollen. Christen können in vielen politischen Fragen zu sehr unterschiedlichen Urteilen kommen. Und die Kirche ist gut beraten, das Evangelium nicht mit einem bestimmten Parteiprogramm zu verwechseln. Natürlich beantwortet das Evangelium nicht jede politische Detailfrage. Es sagt uns nicht, wie hoch ein Steuersatz sein soll. Es liefert kein fertiges Rentenkonzept und keine vollständige Wirtschafts- oder Klimapolitik. Dafür brauchen wir Sachverstand, Diskussion und demokratischen Streit.
Aber das Evangelium muss für uns Maßstab sein, an dem wir politische Entscheidungen immer prüfen: Dient das, was wir tun, dem Menschen? Achtet es seine Würde?
Un-politisch kann unser Glaube niemals sein. Denn wer glaubt, dass jeder Mensch Ebenbild Gottes ist, der kann nicht gleichgültig bleiben gegenüber der Frage, wie Menschen miteinander umgehen. Dann ist es nämlich nicht gleichgültig, ob die Würde eines Menschen geachtet wird oder nicht. Es ist nicht gleichgültig, wie wir mit Menschen umgehen, die schwach sind, arm, krank, einsam oder auf Hilfe angewiesen sind. Es ist nicht gleichgültig, wie wir über Flüchtlinge und Fremde sprechen. Es ist nicht gleichgültig, ob Menschen wegen ihrer Herkunft, ihrer Religion oder ihrer Lebensgeschichte verachtet und ausgegrenzt werden. Und es ist nicht gleichgültig, ob wir die Schöpfung so behandeln, als gehöre sie allein uns, oder ob wir sie als anvertraute Gabe Gottes verstehen.
Wir leben in wirren Zeiten. Schlechtes wird für gut ausgegeben, Lüge für Wahrheit, Fake ist in Mode; Maßstäbe, die früher selbstverständlich galten, werden – nonchalant – aufgegeben. Das spüren wir nicht nur in den politischen Ereignissen. Was vor uns liegt, wissen wir nicht.
Genau dazu hat Papst Leo vor wenigen Monaten seine erste Enzyklika veröffentlich: „Magnifica Humanitas“ (Die großartige Menschheit).
Viele haben danach gesagt, darin gehe es nur darum, wie wir Christen zur künstlichen Intelligenz stehen. Aber Papst Leo geht es um weit mehr.
Er erinnert daran, dass die Würde, der Wert, eines Menschen nicht von seiner Leistung, seinem Nutzen oder seinen persönlichen Entscheidungen abhängt. Sie ist ihm von Gott geschenkt. Und deshalb kann keine politische Macht sie verleihen oder aberkennen. Daraus erwächst für uns Christen eine Verantwortung, die weit über persönliche Frömmigkeit hinausgeht.
Christliche Nächstenliebe muss danach fragen, ob die Verhältnisse, in denen Menschen leben, gerecht und gut sind. Ob unsere Gesellschaft den Schwachen eine Stimme gibt. Ob sie Menschen schützt, die sich selbst nicht schützen können. Und ob politische Entscheidungen tatsächlich dem Gemeinwohl dienen. Denn das ist Politik: Dem Gemeinwohl zu dienen.
Papst Leo spricht hier von einer „Zivilisation der Liebe“, an der wir mitarbeiten sollen. Das klingt zwar etwas idealistisch, aber gemeint ist etwas sehr Konkretes: eine Gesellschaft, in der Menschenwürde, Gerechtigkeit, Solidarität und Geschwisterlichkeit nicht nur schöne Worte sind, sondern das politische und gesellschaftliche Handeln bestimmen.
Und damit sind wir mitten in unserer Gegenwart: Wir erleben, dass vielerorts der Wind nach rechts weht. Wir erleben Populismus, der mit Ängsten arbeitet, einfache Antworten auf schwierige Fragen verspricht und Menschen gegeneinander aufbringt. Da wird eingeteilt in „wir“ und „die anderen“; da wird mit Ressentiments Politik gemacht. Und wir erleben, wie Unwahrheiten und bewusste Falschinformationen verbreitet werden, wie Behauptungen wichtiger werden als überprüfbare Tatsachen. Das alles ist nicht nur ein politisches Problem. Es ist auch eine Herausforderung für unser Christsein.
Denn wer daran glaubt, dass jeder Mensch Ebenbild Gottes ist, kann menschenverachtenden Ideologien nicht gleichgültig gegenüberstehen. Und es ist nicht gleichgültig, ob in einer Gesellschaft Wahrheit noch etwas zählt, ob Menschen einander zuhören oder politische Gegner zu Feinden erklärt werden. Unser Glaube hat immer gesellschaftliche Konsequenzen.
Das haben wir schon in der ersten Lesung beim Propheten Jesaja gehört und im heutigen Psalm, wo es heißt, dass es eben nur einen Gott und Herrn gibt und dass der Recht und Gerechtigkeit will und dass die Schwachen nicht vergessen werden. Und auch Jesus verkündet ja keine Religion, die sich in die Innerlichkeit zurückzieht. Es geht im Glauben niemals nur um mein Seelenheil allein. Wenn er sagt: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“, dann hat das Konsequenzen. Wenn er einen Ausgegrenzten in die Mitte stellt, dann hat das Konsequenzen. Und wenn er sagt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, dann ist das nicht nur eine schöne private Tugend, die uns selbst zur Seligkeit verhilft. Dann hat das Konsequenzen, wie wir Christen Gesellschaft gestalten.
Denn bevor ein Mensch konservativ oder progressiv ist, bevor er Deutscher ist oder Ausländer, bevor er nützlich und erfolgreich ist oder gescheitert, bevor er meine Meinung teilt oder mir widerspricht: Er ist ein Mensch. Und so trägt er das Bild Gottes. Ich glaube, das ist vielleicht der politischste Satz unseres christlichen Glaubens: Wir alle sind Menschen – Ebenbilder Gottes. Demgemäß sollten wir uns verhalten.
„Gebt Gott, was Gott gehört.“ Dieser Satz setzt für Christen der Politik immer eine Grenze. Kein Staat darf den ganzen Menschen beanspruchen. Keine Politik darf Menschen nur nach ihrem Nutzen, ihrer Leistung, ihrer Herkunft oder ihrer politischen Haltung beurteilen. Keine politische Macht darf sich selbst absolut setzen. Keine Partei darf für einen Christen zum Ersatz für den Glauben werden. Und keine Ideologie darf darüber bestimmen, welchen Wert ein Mensch besitzt.
Christ/Christin zu sein, heißt Teil der Gesellschaft zu sein, nicht außerhalb zu stehen, heißt: „in Freiheit und Verantwortung unsere Gesellschaft mitzuprägen. Es mag im Bewusstsein mancher Katholiken noch die Vorstellung geben, das Religiöse stehe auf der einen und das Gesellschaftliche getrennt davon auf der anderen Seite. Aber Demokratie ist ein Raum zur Gestaltung und zur Freiheit, und das heißt auch für jeden Christen und die Kirche insgesamt,“ sich zu engagieren. (Erzbischof Heiner Koch, 3.9.2026, zitiert nach: https://www.katholisch.de/gesellschaft-und-politik/erzbischof-koch-kirche-muss-risiko-eingehen-afd-waehler-zu-verlieren).
Unser letzter Maßstab ist nicht der Kaiser oder sonst eine irdische Macht. Nicht der Zeitgeist. Nicht die öffentliche Meinung. Nicht eine Partei. Unser letzter Maßstab ist Gott. Unser Maßstab ist allein Jesus und sein Evangelium. Christsein ist immer politisch – aber es ist niemals nur politisch. Denn Christen erwarten das Heil nicht von der Politik. Kein Staat und keine Partei kann das Reich Gottes errichten. Aber gerade weil wir das Reich Gottes erwarten, können wir uns nicht damit abfinden, wenn diese Welt ungerecht und unmenschlich wird. Vielleicht können wir deshalb den Satz Jesu heute so hören: Gebt der Politik, was sie braucht: euren Verstand, eure Verantwortung, eure Stimme und euer Engagement. Es heißt, sich für Menschen einzusetzen, die keine starke Lobby haben; und dort die Stimme zu erheben, wo die Würde von Menschen bedroht wird. Und es heißt, keiner irdischen Macht das zu geben, was allein Gott gehört: Unser Gewissen, unsere Hoffnung – und den Menschen. Denn der Mensch trägt nicht das Bild des Kaisers. Er trägt das Bild Gottes, und darin liegt seine Würde. Immer.
(Predigt in den Hl. Messen zum 29. Sonntag im Jahreskreis A, am 17.10.2026 in Christkönig, Berlin-Lübars, sowie am 18.10.2026 in Maria Gnaden, Berlin-Hermsdorf)
Bild: privat