Die Wahrheit ist Person

Evangelium

Wie oft hören wir heutzutage den Satz: „Alles ist relativ.“ Jeder Mensch müsse schließlich selber wissen, was gut für ihn ist und was er will. Jeder habe seine eigene Sicht der Wirklichkeit; objektiv lasse sich gar nicht sagen, was absolut wahr und was unwahr ist. Das lehre uns schon die moderne Physik. Alles hängt immer auch vom Betrachter ab. Absolute Wahrheit gibt es nicht.

Auch in der Gesellschaft werden absolute Werte, die immer und für alle gelten, immer mehr in Frage gestellt. Schlechtes wird für gut ausgegeben, Lüge für Wahrheit, Fake ist in Mode. Wir leben in wirren Zeiten. Maßstäbe, die früher selbstverständlich galten, werden – nonchalant – aufgegeben. Noch vor wenigen Jahren schienen Demokratie, Freiheit und Gleichheit – wie selbstverständlich – eine goldene Zukunft zu haben. Heute fragen sich viele: Was gilt noch? Was trägt noch? Wer kann noch behaupten, den Weg zu kennen? Wer kann sagen: Das ist die Wahrheit, die immer gilt, und zwar für alle?

Und dann hören wir heute im Evangelium diesen einen Satz Jesu: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“(Joh 14,6). Das ist ein gewaltiges Wort. Viele draußen auf der Straße werden den Satz für grenzenlose Anmaßung halten und sagen: Aber jeder hat doch seine eigene Wahrheit. Wahrheit erscheint vielen als etwas Relatives, Wandelbares, etwas, das man sich selbst zusammenstellt. Aber müssen genau hinhören: Jesus sagt nicht: Ich zeige euch eine Wahrheit, oder ich lehre euch eine Wahrheit. Er sagt: ICH bin die Wahrheit.

Die Wahrheit ist in Jesus Christus nicht eine Idee, nicht ein System, nicht ein Gedankengebäude – sie ist Person geworden. Was bedeutet das? Zunächst: Wahrheit ist nicht etwas Kaltes oder Abstraktes. Wahrheit ist nicht nur, dass die Aussage über eine Sache richtig oder falsch ist. Das ist Richtigkeit – nicht Wahrheit. Was Jesus hier sagt, meint: Wahrheit, wie er sie uns zeigt, ist viel mehr. Wahrheit hat ein Gesicht. Wahrheit spricht. Wahrheit liebt. Wahrheit geht uns nach. In Jesus begegnen wir nicht einer Theorie über Gott, sondern Gott selbst, der uns ansieht und anspricht. Denn er zeigt uns Gott, genau so, wie er ist.

Das Neue Testament ist ursprünglich in Griechisch verfasst. Unser Wort „Wahrheit“ heißt in Griechischen aber so viel wie „Unverborgenheit“, „Offenbar machen“ und „Erscheinen“. Jesus selbst sprach Hebräisch oder Aramäisch. „wahr“ auf Hebräisch, „emeth“, meint „glaubwürdig und treu sein“. Das Wort „Amen“ stammt davon ab. Wenn Jesus hier also von sich selbst als der Wahrheit spricht, dann meint das also: Er ist es, der uns Gott glaubwürdig so zeigt, wie er ist, und der uns in seiner Person Gottes Treue offenbar macht. Und genau das verändert alles.

Denn wenn Wahrheit eine Person ist, dann kann man ihr begegnen. Man kann ihr vertrauen. Man kann ihr folgen. Aber man kann sie auch ablehnen. Wahrheit ist dann nicht nur eine Frage des Verstandes, sondern eine Frage des Herzens. Jesus sagt zugleich: Ich bin der Weg. Das heißt: Wahrheit ist kein starres Konzept, das man einmal verstanden hat und dann besitzt. Wahrheit ist ein Weg, den man geht. Ein Leben in Beziehung zu Christus. Viele Menschen – gerade junge Menschen heute – suchen Orientierung. Sie fragen: „Was ist richtig? Wohin soll ich gehen?“

Jesus antwortet nicht zuerst mit Regeln oder Konzepten, Geboten und Verborten, sondern mit sich selbst: „Komm und folge mir!“

Das ist zutiefst tröstlich. Denn wir müssen uns nicht selbst den Weg zur Wahrheit erarbeiten. Wir müssen nicht alles perfekt machen. Wir dürfen gehen – Schritt für Schritt – mit ihm.

Und Jesus sagt – und das ist das Wichtigste: Ich bin das Leben. Wahrheit ist also nicht etwas, das einengt oder bedrückt. Die Wahrheit, die Christus ist, führt ins Leben – in ein erfülltes, echtes Leben. Ein Leben, das über den Tod hinausgeht. Manchmal haben wir Angst vor der Wahrheit. Weil wir denken: Wenn ich der Wahrheit ins Auge sehe, wird es unbequem. Vielleicht schmerzhaft. Vielleicht muss ich etwas ändern. Und ja – die Wahrheit kann herausfordern. Sie kann uns entlarven. Sie kann uns zeigen, wo wir uns selbst täuschen. Aber die Wahrheit, die Christus ist, will uns nicht zerstören. Sie will uns heilen. Sie will uns frei machen. Sie bringt Leben – Leben in Fülle. Das wonach wir Menschen – alle Menschen – uns sehnen. Denn Jesus ist nicht nur die Wahrheit – er ist auch der, der für uns ans Kreuz gegangen ist. Die Wahrheit Gottes ist eine liebende Wahrheit. Eine barmherzige Wahrheit.

Im ersten Teil des Evangeliums hören wir, wie Jesus sagt: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren.“ Auch das spricht in unsere Zeit hinein. Viele Herzen sind verwirrt – durch Unsicherheit, durch widersprüchliche Stimmen, durch Krisen. Jesus lädt uns ein: Vertraut mir! Bleibt bei mir! In mir findet ihr Halt! In mir findet ihr Leben! Wenn die Wahrheit eine Person ist, dann bedeutet das auch: Wir erkennen sie nicht nur allein durch Argumente, sondern durch Beziehung. Durch Gebet. Durch das Hören auf sein Wort. Durch die Begegnung mit ihm in den Sakramenten.

Vielleicht müssen wir uns immer wieder fragen: Suche ich die Wahrheit – oder begnüge ich mich mit bequemen Antworten? Versuche ich, mein Leben allein auf mich zu bauen – oder lasse ich mich von Christus führen? Ist mein Glaube nur eine Theorie, ein System aus Geboten und Verboten – oder ist er eine lebendige Beziehung?

Und noch etwas: Wenn Christus die Wahrheit ist, dann sind auch wir berufen, Zeugen der Wahrheit zu sein. Nicht, indem wir andere belehren oder über sie urteilen, sondern indem wir so leben, dass etwas von seiner Wahrheit durch uns sichtbar wird: in unserer Barmherzigkeit, unserer Liebe, unserer Treue.

Die Welt braucht nicht nur kluge Worte über Wahrheit. Sie braucht Menschen, in deren Leben etwas von Christus aufleuchtet. Diese Wahrheit hat einen Namen: Jesus Christus. Er ist der Weg, auf dem wir gehen dürfen. Er ist die Wahrheit, der wir vertrauen können. Er ist das Leben, nach dem wir uns sehnen.

Bitten wir ihn, den auferstanden Herrn, so wie mein Namenspatron Thomas es tat: Herr, zeige uns Deinen Weg! Lass uns in Deiner Wahrheit leben! Und schenke uns Anteil an der Fülle des Lebens, die nur Du geben kannst.

 

(Predigt in der Hl. Messe zum 5. Sonntag der Osterzeit, 2./3.5.2026, in St. Katharinen, Mühlenbecker Land-Schildow, und St. Martin, Berlin-Wittenau.)

Bild: Jesus der Christus, Medaillon in Santa Cecilia in Trastevere, Rom (Foto: privat)

Schreibe einen Kommentar