„Denken, was niemand vorher gedacht hat“

 

Evangelium

„Denken, was niemand vorher gedacht. …. Sagen, was niemand vorher gesagt hat.“ (1) Das ist Pfingsten. So war es bei den Jüngern; so ist es heute. Denn mit Pfingsten passiert etwas unfassbar Neues. Gottes Geist ist in der Welt. Wir sind nicht allein. Unser Leben ist getragen – getragen von Hoffnung.

Wir feiern Pfingsten als Abschluss der Osterzeit. Eigentlich sind die 50 Tage vom Ostersonntag bis heute ein einziges großes Fest. Wir feiern, dass Jesus lebt; dass der Tod nicht das letzte Wort hat; dass unser Leben nicht auf Vernichtung und Verfall zugeht. Niemandes Leben endet im Nichts. Unser Leben hat ein Ziel: Und dieses Ziel heißt Jesus Christus. Das sagt uns Ostern und das feiern wir auch heute. Im Evangelium hörten wir, wie er sich hinstellt und sagt: „Wer Durst hat, der komme zu mir.“ Die wenigsten heute hier bei uns kennen wirklichen Durst; wir hier bei uns haben – Gott sei Dank – meistens genug zu trinken.

Aber das Bild, das Jesus hier gebraucht, geht alle Menschen an. Durst – das ist eines der stärksten Bilder, die die Bibel kennt. Nicht nur der körperliche Durst nach Wasser, sondern der Durst nach Leben, nach Sinn, nach Liebe, nach Erfüllung. Schon in den Psalmen hören wir: „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele, o Gott, nach dir“ (Ps 42,2).

Wir alle kennen diesen Durst. Manchmal zeigt er sich als Unruhe, als Leere, als Sehnsucht nach etwas, das größer ist als wir selbst. Wir alle haben Durst, biologisch, geistig, seelisch. Wir alle haben Durst: Durst nach Leben. „Wer Durst hat, der komme zu mir und es trinke, wer an mich glaubt. Wie die Schrift sagt: Aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen.“ Das ruft Jesus am letzten Tag des Laubhüttenfestes (dem großen Erntefest der Juden) den Menschen zu. Wir hören diesen Ruf immer am Vorabend von Pfingsten.

Damals gab es den Ritus, mit einer Wasserschüssel durch die Stadt zu ziehen. Jesus sieht diesen Durst in den Herzen der Menschen und er lädt uns alle ein: Kommt zu mir und trinkt. Denn er selbst ist die Quelle. Kein Wasserspeicher, den man ausschöpft; kein Vorrat, den man aufbraucht, sondern eine lebendige, unerschöpfliche Quelle. Wer sich ihm öffnet, wer glaubt, der empfängt etwas, das über ihn selbst hinausfließt.

Deshalb fügt Johannes hinzu: „Damit meinte er den Geist, den alle empfangen sollten, die an ihn glauben.“ Das lebendige Wasser, das Jesus verheißt, ist der Geist, Gottes Geist, den er uns schenken will. Der Geist ist keine äußere Kraft, sondern eine innere Wirklichkeit. Dieser Geist ist nicht etwas, das man „hat“ – besitzt – ein für alle Mal, sondern eine lebendige Kraft, die uns in Bewegung setzt, die unser Inneres verwandelt und die aus uns herausfließt, zu anderen hin.

Pfingsten bedeutet ja: Der Glaube bleibt nicht nur für mich allein. Niemand kann ganz für sich allein glauben; so wie niemand ganz allein leben kann. Wir brauchen Gemeinschaft; wir brauchen andere zum Leben. Wo der Geist Gottes wirkt, da wird Leben geteilt. Da entsteht Gemeinschaft, da wachsen neue Wege des Vertrauens, der Versöhnung, der Hoffnung.

Der Geist macht uns fähig, nicht nur zu empfangen, sondern auch zu geben. Er verwandelt unseren Durst in eine Quelle für andere. Vielleicht ist das das größte Geschenk von Pfingsten: dass Gott nicht nur unseren Durst stillt, sondern uns selbst zu lebendigen Brunnen macht, dass aus uns, trotz aller Begrenztheit, etwas von seiner Lebendigkeit, seiner Liebe, seinem Frieden hervorbrechen darf.

Heute, am Vorabend dieses Festes, dürfen wir ihn bitten: Herr, stille unseren Durst! Gib uns immer wieder deinen Geist! Mach uns zu Menschen, aus deren Herzen Ströme lebendigen Wassers fließen – in diese Welt, die so sehr nach Leben dürstet, nach Hoffnung! Denn „auf Hoffnung hin sind wir gerettet.“ So hören wir es heute in der zweiten Lesung, und in der ersten Lesung hören wir: „Alle!“ Alle Menschen sollen teilhaben an dieser Hoffnung. Paulus sagt nicht: Wir sind durch Stärke gerettet. Nicht durch Leistung. Nicht durch Sicherheit. Nicht einmal durch Gewissheit; feste Überzeugung. Sondern allein: durch Hoffnung.

Doch Hoffnung ist etwas Eigenartiges. Hoffnung bedeutet nämlich: Das Entscheidende ist noch nicht sichtbar. Wer hofft, hat noch nicht alles in seinen Händen. Wer hofft, lebt mit offenen Fragen. Mit Sehnsucht. Mit Erwartung. Gerade deshalb passt dieser Satz so gut zum Vorabend von Pfingsten.

Denn auch die Jünger waren damals Menschen zwischen Angst und Hoffnung. Jesus war nicht mehr sichtbar unter ihnen. Ostern lag hinter ihnen. Die große Verheißung Gottes – sie schien sich nicht zu erfüllen. Vielleicht waren sie auch voller Zweifel – wie wir. Und sie fragten sich: Wie soll es weitergehen? Wird Gottes Zusage wirklich tragen? Und genau in dieses Warten hinein kommt der Heilige Geist. Nicht als Belohnung für perfekte Menschen. Sondern als Gabe für Bedürftige. Für Fragende. Für Menschen, die allein nicht weiterwissen. Das ist wichtig. Der Geist Gottes kommt nicht erst dann, wenn alles in Ordnung und perfekt ist. Er kommt mitten hinein in unsere Unsicherheit und Unvollkommenheit.

Wie vielen Menschen geht es heute genau so? Sie erleben unsere Zeit gerade nicht als hoffnungsvoll. Kriege. Spaltungen. Auseinanderdriften. Angst vor der Zukunft. Und so viele tragen persönliche Sorgen: Krankheit, Einsamkeit, Konflikte in der Familie, Enttäuschungen, oder die stille Frage: Wofür lohnt es sich eigentlich noch? Und manchmal spüren wir: Der Glaube allein macht das Leben nicht automatisch leicht. Aber Pfingsten sagt uns: Gott lässt uns nicht allein in dieser Welt zurück. Der Heilige Geist ist die Kraft der Liebe Gottes in uns. Nicht laut. Nicht spektakulär. Oft ganz leise. Er schenkt Mut, wo Menschen resignieren. Er schenkt Geduld, wo alles festgefahren scheint. Er schenkt neue Worte, wo Sprachlosigkeit herrscht. Er öffnet unsere Herzen. Und vor allem: Er hält die Hoffnung lebendig.

Christliche Hoffnung ist mehr als Optimismus. Optimismus sagt: Es wird schon irgendwie gutgehen. Hoffnung dagegen sagt: Auch wenn ich den Weg noch nicht sehe – Gott geht mit mir. Das ist ein großer Unterschied. Hoffnung verdrängt das Dunkel nicht. Aber sie glaubt daran, dass das Dunkel nicht das letzte Wort hat. Vielleicht ist das die tiefste Botschaft von Pfingsten: Gott wirkt weiter. Auch heute. Auch in unserer müden Welt. Auch in der Kirche. Auch in uns.

Der Geist Gottes kann Menschen verwandeln. Wir haben es gesehen: Aus ängstlichen Jüngern werden mutige Zeugen. Aus verschlossenen Türen werden offene Wege. Aus vielen verschiedenen Sprachen entsteht plötzlich Verstehen. Das Pfingstwunder ist ja nicht nur ein Sprachwunder. Es ist ein Hoffnungswunder. Menschen entdecken: Wir sind nicht getrennt. Wir gehören zusammen. Gott schafft Neues.

Vielleicht braucht unsere Zeit genau das besonders dringend: Menschen der Hoffnung. Nicht Menschen, die alles schönreden. Sondern Menschen, die trotz allem glauben: Liebe ist stärker als Hass. Versöhnung stärker als Gewalt. Leben stärker als Tod.

Der Heilige Geist macht uns nicht zu perfekten Christen. Aber vielleicht macht er uns zu Menschen, die anderen wieder Hoffnung geben können. Durch ein gutes Wort. Durch Zuhören. Durch Geduld. Durch einen kleinen Schritt der Versöhnung. Durch eine zärtliche Hand. Durch den Mut, nicht gleich aufzugeben.

Bitten wir den Herrn darum, dass er unsere Müdigkeit verwandelt, unsere Angst löst, unsere Herzen weit macht. Damit wir Menschen sind, die hoffen können, die Hoffnung schenken können, und die wissen, diese Hoffnung hat einen Namen: Jesus Christus, der lebt und auch heute immer wieder seinen Geist unter uns sendet, der unseren Durst nach Leben stillt.

(1) Liedtext der Pfingstsequenz von Norbert M. Becker, vgl.: https://bistum-augsburg.de/content/download/237696/file/Denken,%20was%20niemand%20vorher%20gedacht.pdf)

(Predigt in der Wort-Gottes-Feier am Vorabend von Pfingsten, 23.5.2026, St. Hildegard, Berlin-Frohnau)

Bild: privat

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