Berufen?

Evangelium

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Wir haben wieder drei Lesungen gehört – wie meistens sonntags. Eigentlich sogar vier. Denn der Antwortpsalm wird zwar gesungen, ist aber auch eine der Lesungen. Dafür waren diese Bibeltexte ursprünglich auch gedacht, dass sie im Gottesdienst vorgetragen werden. Die frühen Christen hatten ja keine Bibeln, die zuhause im Regal standen. Sie schrieben trugen diese Glaubenszeugnisse im Gottesdienst vor, damit alle sie hören konnten.

Wenn wir heute ein Buch lesen, oder zum Beispiel eine Briefsammlung, wie Goethes Briefe oder Kafkas Briefe, fühlen wir uns dann angesprochen? Eher nicht! Man denkt sich: Interessant, was diese Leute sich so zu sagen hatten. Aber es ist ja kein Brief an mich. Ich bin nicht gemeint.

Wenn stattdessen mir jemand einen Brief schreibt, dann weiß ich: Ich bin gemeint. Und genauso ist es hier bei diesen Lesungen. Wir dürfen sie nicht lesen Briefe an jemand anderes. Das hier ist an mich persönlich gerichtet. Ich bin gemeint. Der Brief an die Römer oder das Buch Exodus oder das Evangelium: das geht uns an.

In der ersten Lesung, im Buch Exodus, spricht Gott zu Israel: „Ihr habt gesehen, wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und zu mir gebracht habe.“ Wenn wir das hören, dann ist das nicht nur ein historischer Text, der ungefähr 2500 Jahre alt ist. Man kann den Text natürlich rein historisch lesen, religionswissenschaftlich. Aber bringt mir das etwas für mein Leben heute? Gott meint hier mich, wenn er sagt: Ich habe Dich getragen. Ich bin bei Dir. Ich verlasse Dich nicht. Und Gott sagt nicht zuerst: „Streng Dich gefälligst mehr an!“ „Ihr müsst mehr leisten, damit ich euch liebe.“ Nein – zuerst erinnert uns Gott daran, was er bereits getan hat. Er hat getragen, gerettet, befreit. Er hat es schon getan.

Genauso ist es auch mit der Berufung, und darum geht es heute im Evangelium. Wenn wir das Wort „Berufung“ hören, denken wir oft: Das ist etwas Außergewöhnliches, nur für wenige: für Bischöfe, Priester und Diakone oder Ordensleute, Missionare oder für große Heilige. Da, denken wir, gibt es so was wie „Berufung“. Das ist nur etwas für Wenige.  Und es stimmt ja auch: Der Begriff Berufung – quasi auf „kirchisch“ – meint eine Auswahl. Jemand wird durch die Kirche in ein Amt oder eine Funktion berufen. In einem engeren Sinn stimmt das.

Aber die Schrift hier zeigt uns noch etwas ganz anderes: Wenn hier von „Berufung“ die Rede ist – dann sind wir alle gemeint. Berufung geht jeden Menschen an. Berufung mein hier nicht, dass man etwas leisten muss. Sie hat erst mal nichts mit unserer Leistung zu tun, sondern mit Gottes Ruf. Dass er uns schon gerufen hat. Alle Menschen sind von Gott gerufen – be-rufen: Weil er uns zum Leben führen will. Weil er will, dass wir spüren: Wir sind geliebt; wir sind getragen. Wir sind schon befreit. Das ruft er uns Menschen zu. Und Gott ruft Menschen nicht, weil sie perfekt wären. Er ruft sie, weil er uns vertraut. Weil er mit uns etwas vorhat – eben uns zum Leben zu führen; zur Fülle des Lebens. Das Volk Israel bestand nicht aus Helden. Es waren Menschen mit Angst, mit Zweifeln, mit Streit und Schwächen. Genau wie wir. Und genau denen sagt Gott: Du musst nicht alles allein tragen. Ich trage dich. Unsere Berufung beginnt also nicht mit Druck, sondern mit Beziehung. Gott ruft uns zuerst in seine Nähe. Weil er uns Leben schenken will. Fülle des Lebens.

Im Evangelium sehen wir dann Jesus, wie er die Menschen anschaut. Und dann heißt es: „Er hatte Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben.

Genau so geht doch heute unzähligen Menschen: Sie sind müde und erschöpft. Nicht nur körperlich, vor allem innerlich. Müde von Sorgen. Müde von Erwartungen. Müde von Konflikten und von den Nachrichten, den vielen Krisen. Und ohne Orientierung. Ohne wirklichen Hirten. Und wie reagiert Jesus? Nicht mit Vorwürfen. Nicht mit Distanz. Sondern mit Mitgefühl. Und dann sagt er: „Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenige Arbeiter.“ Damit meint er nicht nur die Bischöfe, Priester und Diakone oder die Ordensleute. Er meint Menschen, die anderen helfen, dass Gottes Liebe sichtbar wird. Die Hoffnung schenken. Die erfahren haben, dass diese Liebe, Gottes Liebe, trägt, wirklich trägt und zum Leben führt. Und die genau das weitergeben. Das ist die Berufung, zu der Gott uns alle ruft. Ganz konkret – im Alltag: Vielleicht ist Deine Berufung, in der Familie Frieden zu stiften. Vielleicht ist Deine Berufung, einem einsamen Menschen zuzuhören. Vielleicht ist Deine Berufung, Geduld zu haben, wo andere hart werden. Vielleicht ist Deine Berufung, im Beruf ehrlich und menschlich zu bleiben. Vielleicht ist Deine Berufung einfach, jeden Tag treu im Glauben zu leben.

Die Zwölf, die Jesus hier mit Namen beruft, waren keine perfekten Kandidaten. Fischer, einfache Leute, Menschen mit Fehlern. Einer wird ihn verleugnen, einer verraten, andere werden Angst haben und fliehen. Und trotzdem ruft Jesus sie. Und er vertraut ihnen.

Gott wartet nicht auf perfekte Menschen. Sonst hätte niemand eine Berufung. Natürlich denken wir: „Ich bin zu alt; zu schwach. Ich habe zu viele Fehler gemacht. Ich bin müde, und was kann ich schon bewirken?“ Aber nochmal: Gott fragt nicht: „Was kannst du?“

Er fragt: „Hörst Du meinen Ruf? Bist du bereit, mir zu vertrauen? So wie ich Dir vertraue.“ Das zeigen uns die großen Heiligen. Nicht ihre Stärke hat sie groß gemacht, sondern ihr Vertrauen.

Paulus schreibt hier im Römerbrief: „Christus ist schon für uns gestorben, als wir noch Sünder waren.“ Das bedeutet doch: Gottes Liebe kommt uns zuvor. Hoffnung gründet nicht auf unserer Vollkommenheit, sondern auf Gottes Treue. Und deshalb dürfen wir Hoffnung haben – auch für die Kirche. Denn auch dazu sind wir berufen. Nicht nur zu Ämtern – das auch. Aber Berufung ist viel mehr als ein kirchliches Amt. Auch da werden die Arbeiter im Weinberg immer weniger. Wir wissen nicht, wie die Zukunft aussieht. Aber das Evangelium erinnert uns daran: Die Kirche lebt nicht zuerst aus menschlicher Kraft, sondern aus Gottes Ruf. Wo Menschen sich von Christus berühren lassen, dort beginnt Zukunft. Wo Menschen Hoffnung schenken und vergeben können, dort wirkt Gottes Geist. Vielleicht ist genau das unsere Berufung heute: Hoffnungsträger zu sein. Nicht Menschen, die alles schönreden. Aber Menschen, die glauben, dass Gott auch heute wirkt. Hoffnung heißt nicht, keine Probleme zu haben. Hoffnung heißt: Gott geht mit uns durch alles hindurch. Und vielleicht braucht unsere Welt heute weniger perfekte Christen als vielmehr glaubwürdige Christen. Menschen, die trotz aller Müdigkeit und Dunkelheit sagen können: „Ich vertraue darauf, dass Gott mich trägt und mein Leben führt.“

Am Ende des Evangeliums heute sendet Jesus seine Jünger aus. Gott beruft jeden von uns und sendet jeden. Auf unterschiedliche Weise – aber ausnahmslos. Damit wir seine Liebe weitergeben. Und andere Hoffnung schenken, sie aufrichten, „heil“ machen. Fragen wir uns deshalb: Wo ruft Gott mich gerade? Wem kann ich Hoffnung geben? Wie kann ich in meinem Alltag Zeuge der Liebe Christi sein? Vielleicht ganz still. Ganz einfach. Aber vielleicht genau dadurch mit großer Wirkung.

Bitten wir den Herrn darum, dass wir seine Stimme hören! Dass wir den Mut haben, unserer Berufung zu vertrauen. Und dass wir Menschen der Hoffnung sind – in einer Welt, die diese Hoffnung so dringend braucht.

 

(Predigt zum 11. Sonntag im Jahreskreis A am 13.6.2026 in St. Katharinen, Mühlenbecker Land-Schildow, und St. Hildegard, Berlin-Frohnau, sowie am 14.6.2026 in Maria Gnaden, Berlin-Hermsdorf und St. Nikolaus, Berlin-Wittenau)

Bild: „Christus spricht zu den Jüngern“. Meister der Reichenauer Schule, gemeinfrei nach Wiki Commons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Meister_der_Reichenauer_Schule_001.jpg

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