Der Schatz unseres Lebens

Evangelium

Ich bin ein großer Fan des Buchs „Der Herr der Ringe“ von J.R.R. Tolkien; ein unfassbar reiches Werk über die Verführbarkeit der Menschen, über Unterdrückung und Befreiung und die Einsicht, dass Vergebung der einzige Weg zum Leben ist.

Tolkien war ein tiefgläubiger Katholik und sagte über sein Buch, es zeige nichts anderes als die Wahrheit des Glaubens, wenn auch in Bildern und Erzählungen, die uns heute ein bisschen „abgedreht“ vorkommen.

Eine der tragischsten Figuren in diesem Buch ist die Kreatur Gollum. Sein ganzes Leben kreist um den einen Ring. Für ihn ist dieser Ring der größte Schatz überhaupt. Er glaubt, der Ring werde ihm Macht, Ansehen und Glück schenken. Aber genau das Gegenteil geschieht. Der Ring macht ihn unfrei. Er nimmt ihm seine Würde, seine Freiheit und schließlich fast sein ganzes Menschsein und bringt nur Knechtschaft, Abhängigkeit und Verzweiflung. Gollum verwechselt den wahren Schatz mit einem falschen.

So geht es vielen, die glauben, in Schätzen ihr Glück zu finden, egal, ob es goldene Ringe sind oder teure Autos, prächtige Paläste oder was sonst noch unfassbar begehrenswert ist.

Auch hier im Evangelium geht es heute um Schätze: Der Mann hier verkauft alles, was er hat, weil er einen Schatz im Acker entdeckt hat und kauft den Acker; der Kaufmann gibt alles für eine einzige kostbare Perle.

Jesus will damit sicher nicht sagen, dass wir möglichst reich werden sollen. Und er vergleicht das Himmelreich auch nicht mit materiellem Reichtum – so wie Gollum es tat. Er will uns vielmehr sagen: Wer Gott in seinem Leben begegnet (also dem Himmelreich), der entdeckt etwas, das viel wertvoller ist als alles andere. Das Reich Gottes beginnt nicht erst irgendwann im Jenseits. Es beginnt dort, wo Gott in unserem Leben Raum gewinnt. Der Schatz liegt nicht irgendwo weit entfernt. Er liegt mitten im Acker unseres Alltags. Nur wenn wir begreifen, dass die Begegnung mit Gott so viel besser ist als alles, was auch noch so wertvoll sein könnte, erst dann sind wir auf dem Weg zum Leben. Erst dann gewinnen wir eine Vorstellung, was mit Reich Gottes gemeint ist; nichts Jenseitiges, Himmlisches, Unwirkliches. Beim „Schatz im Acker“ und der „kostbaren Perle“ geht es nicht um irgendwelche Preziosen, die uns später einmal reich machen. Der „Schatz“ und die „Perle“ stecken hier im Acker, in unserem gewöhnlichen Leben.

Es geht allein um die Gegenwart Gottes in unserem Leben. Diese Gegenwart ist sein Reich. Nicht irgendwo im Jenseits. Hier und jetzt, in unserem alltäglichen Leben.

Wenn wir Gottes Gegenwart in unserem Leben erkannt haben; wenn erkannt haben, dass er es ist, der uns befreit, und zwar zuallererst aus der Macht der Angst um uns selbst; dass er es ist, der uns trägt und unser Leben gelingen lässt, dann haben wir den Schatz im Acker und die kostbare Perle gefunden.

Und wie gelingt uns das? Genauso wie König Salomo heute in der ersten Lesung, indem wir ein „hörendes Herz“ bekommen, ein Herz, das auf mehr aus ist als Macht und Ehre, Reichtum und Erfolg; ein Herz, das spürt: Gott hat mir etwas zu sagen.

Viele erinnern sich vielleicht noch an den Berlin-Besuch von Papst Benedikt XVI. 2011. Da sprach er auch vor dem Bundestag, und er sprach zu den Volkvertretern genau darüber, was wir heute in der ersten Lesung gehört haben. Dass ein solches „hörendes Herz“ die wichtigste Grundbedingung für die Unterscheidung von Gut und Böse ist, auch für jedes verantwortungsvolle politische Handeln. Dass angesichts der enormen Macht der Menschen heute, der Macht zur Selbstzerstörung und Manipulation, die Unterscheidung von Gut und Böse nur durch ein solches „hörendes Herz“ gelingt.

Benedikt XVI. zeigte uns damals, wie sehr wir scheitern, wenn wir allein auf die menschliche Macht bauen und uns nicht öffnen für Gottes Gegenwart in unserem Leben. Die Liebe Gottes zu spüren ist der größte Schatz, den wir finden können. Jesus will uns lehren, dass Gottes Liebe dieser größte Schatz unseres Lebens ist.

Aber das Evangelium hat noch eine weitere Botschaft.

Nicht nur Gott ist UNSER Schatz, auch wir sind GOTTES Schatz. Das zeigt uns das dritte Gleichnis von den guten und den schlechten Fischen. Wer Gottes Liebe in die Welt bringt, wer also „den Willen Gottes tut, wer auf sein Wort hört, es versteht und umsetzt – Frucht hervorbringt – und sein ganzes Leben davon durchdringen lässt – wie Mehl vom Sauerteig –, wird – im Bild gesprochen – als „Schatz“ geborgen, als wertvolle „Perle“ erkannt, als „guter Fisch“ ausgewählt werden können.“

Jesus zeigt uns hier, dass auch wir selbst ein Schatz sein können, und Gott nichts lieber will als diesen Schatz in seinem Acker zu haben, wenn wir so leben, dass unser Leben seine Liebe in dieser Welt fruchtbar werden lässt.

„Wir können uns das Himmelreich nicht erwerben. Wir werden nie ein Recht darauf haben, ins Himmelreich zu gelangen, …  weil wir unser bisheriges Eigentum (Leben) aufgeben und stattdessen den Schatz oder die Perle kaufen.“ Aber wir können uns entscheiden, wie wir leben. „Die Gleichnisse sind also keine Handlungsanweisung, wie wir uns das Himmelreich verdienen, Gott also quasi „nötigen“ können … Es sind Handlungsanweisungen, dass wir durch unsere Haltung und unsere Entscheidungen die Grundlage schaffen, dass er uns als Schatz, als besondere Perle, als „gute“ Fische entdecken kann.“

Die Bilder und Gleichnisse, die uns Jesus hier schenkt, zeigen genau diese doppelte Bedeutung, die der Glaube hat: Nämlich (einerseits) Gott treu zu bleiben und ihm (andererseits) unser Vertrauen schenken.

„Treue zu Gott und Vertrauen in Gott.“ Das ist das Wesen des Reiches Gottes, das schon hier Wirklichkeit werden kann.

(Predigt in der Wort-Gottes-Feier zum 17. Sonntag im Jahreskreis A, 25.7.2026, in St. Hildegard, Berlin-Frohnau)

Bild: privat.

Zitate aus: Katholisches Bibelwerk: Sonntagslesungen, 17. Sonntag im Jahreskreis A, zitiert nach: https://www.bibelwerk.de/fileadmin/sonntagslesung/a_jahreskreis.17_e_mt.13.pdf

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