Was für ein merkwürdiger Sämann, von dem Jesus uns hier im Evangelium erzählt? Der hinausgeht und sein Saatgut offenbar so großzügig verteilt und vor allem ziemlich ziellos: Ein Teil fällt auf den Weg, ein Teil auf felsigen Boden, ein Teil mitten in die Dornen. Und schließlich fällt nur ein Teil auf guten Boden. Besonders wirtschaftlich ist das nicht. Sonderlich viel scheint dieser Landwirt also nicht zu verstehen von seinem Job.
Warum wirft er seine kostbare Saat auf den Weg? Warum zwischen die Steine? Warum mitten in die Dornen? Ein vernünftiger Bauer würde doch zuerst genau prüfen: Wo lohnt es sich zu säen? Wo sind die besten Bedingungen? Wo ist der größte Ertrag zu erwarten? Genau das tut der Sämann hier im Gleichnis nicht. Er sät, verschwenderisch könnte man fast sagen. Ohne vorher zu entscheiden: Da ist es wert – und da nicht. Da lohnt es sich – und da nicht.
Ich glaube, genau darin liegt die Botschaft des heutigen Evangeliums: So ist Gott. So großzügig ist Gott ist mit seinem Wort. Er spricht zu uns allen, zu allen Menschen. Er sagt nicht: Ich rede nur mit den Frommen. Ich rede nur mit denen, die jeden Sonntag in die Kirche gehen. Ich rede nur mit denen, deren Leben vollkommen in Ordnung ist, den Anständigen, den Fehlerfreien. Nein! Gott sät sein Wort überall aus. Wie der Sämann hier im Gleichnis.
Vielleicht ist das auch eine wichtige Botschaft für uns als Kirche. Denn manchmal sind wir sehr schnell dabei, Menschen einzuteilen. Die einen sind gläubig, die anderen nicht. Die einen gehören dazu, die anderen stehen am Rand. Die einen verstehen etwas vom Glauben, die anderen haben keine Ahnung.
Gott hat keine Vorurteile: Ihm müssen wir nicht gut genug sein. Er sät, und er traut seinem Wort etwas zu. Und Gott hat Zeit.
Das haben wir bereits in der ersten Lesung heute gehört, im Buch Jesaja. Dort vergleicht Gott sein Wort mit dem Regen und dem Schnee. Sie fallen vom Himmel und kehren nicht einfach dorthin zurück. Sie tränken die Erde. Sie machen sie fruchtbar. Sie lassen wachsen und gedeihen.
Und Gott sagt: „So ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück.“ Was für ein Vertrauen Gott in sein eigenes Wort hat!
Vielleicht haben wir dieses Vertrauen manchmal verloren. Wir hören Sonntag für Sonntag die Heilige Schrift. Wir hören die Lesungen, die Psalmen und Evangelien, und manchmal – seien wir ehrlich – hören wir sie vielleicht nur halb. Manchmal sind unsere Gedanken ganz woanders.
Die Älteren unter uns werden noch wissen, was Chappi ist, das Hundefutter. Ein kluger Pfarrer hat einmal gesagt: Wissen Sie, was der Unterschied ist zwischen Chappi und meinen Predigten? Chappi ist für den Hund, meine Predigten sind für die Katz.
So geht es auch Gottes Wort; natürlich schalten wir manchmal ab. Vielleicht denken wir an das Abend-/Mittagessen. An ein Gespräch von gestern. An etwas, das uns belastet. Vielleicht auch nur, was für ein unmögliches Kleid die Person vor mir trägt. Das alles ist völlig normal. Und dann ist das Evangelium vorbei und wir könnten kaum sagen, was eigentlich vorgelesen wurde.
Ist Gottes Wort dann verloren?
Jesus sagt: Manches fällt tatsächlich auf den Weg. Manches wird von den Dornen erstickt. Manches findet keinen tiefen Boden. Aber Jesus sagt eben nicht: Deshalb hört Gott auf zu säen. Und suchst sich ganz genau aus, wer den richtigen Boden mitbringt. Der Sämann geht immer wieder hinaus. Und vielleicht fällt ein Wort heute auf harten Boden. Aber morgen ist dieser Boden vielleicht nicht mehr so hart. Vielleicht hören wir einen Satz aus der Bibel zehnmal, zwanzigmal, fünfzigmal – und er sagt uns nichts. Und dann plötzlich, in einer bestimmten Situation unseres Lebens, hören wir genau denselben Satz – und er trifft uns mitten ins Herz.
„Fürchte dich nicht.“ Wie oft steht das in der Bibel? Wie oft haben wir ihn schon gehört. Aber wenn ein Mensch wirklich Angst hat, kann dieser Satz plötzlich eine ganz andere Bedeutung bekommen.
Oder Jesus sagt: „Ich bin bei euch alle Tage.“ Vielleicht hören wir das jahrelang. Aber wenn wir uns plötzlich allein fühlen, wenn ein vertrauter Mensch fehlt, wenn sich unser Leben verändert – dann kann dieses Wort auf einmal Wurzeln schlagen.
Oder der Satz: „Deine Sünden sind dir vergeben.“ Einer der wichtigsten Sätze überhaupt. Vielleicht wissen wir das mit dem Kopf, und es dauert manchmal Jahre, Jahrzehnte, bis diese Botschaft wirklich im Herzen ankommt. Gottes Wort braucht Zeit. Ein Same wird ja auch nicht heute gesät und morgen steht dort ein großer Baum. Zuerst geschieht etwas, das wir überhaupt nicht sehen. Der Same liegt in der Erde. Er bricht auf. Eine erste kleine Wurzel entsteht. All das sehen wir nicht. Alles verborgen. Vielleicht ist es mit unserem Glauben oft genauso.
Wir schauen auf uns selbst und denken: Da wächst doch nichts. Mein Glaube ist nicht stärker geworden. Meine Zweifel sind immer noch da. Meine Fragen sind immer noch nicht beantwortet. Und Gott sieht vielleicht längst eine kleine Wurzel. Etwas hat begonnen. Etwas wächst, noch verborgen.
Der Apostel Paulus sagte es heute in der zweiten Lesung: „Die ganze Schöpfung seufzt und liegt in Geburtswehen.“ Auch das ist ein Bild für etwas, das noch nicht fertig ist. Wir sind noch nicht fertig. Unser Glaube ist nicht fertig. Die Kirche ist nicht fertig. Die Welt ist nicht fertig. Wir leben in einer Welt, in der vieles unfertig, verletzt und zerbrochen ist. Das spüren wir jeden Tag. Und manchmal fragen wir uns vielleicht: Wo ist denn Gott? Wo ist etwas von seinem Reich zu sehen?
Paulus sagte hier in der Lesung: „Wir warten.“ – Ich glaube, ein Riesenproblem unserer Zeit liegt darin, nicht warten zu können. Aber wir können nicht alles sofort haben. Zur Zeit von Paulus und den Evangelisten hatten die Menschen die Erwartung – noch zu ihren Lebzeiten werde das Ende der Welt kommen; werde Christus wiederkommen. Sie warteten. Vergebens, wie wir heute wissen. Aber sie warten nicht auf das Nichts. Sie hatten eine Erwartung; eine Hoffnung, dass sie auf ein Ziel zugehen. Vielen heute fehlt dieses Ziel ihres Lebens. Viele denken – hier und jetzt, das ist es, möglichst das Beste für mich draus machen. Bei Paulus hörten wir: Eine Frau, die ein Kind erwartet, hat ein solches Ziel. Da wächst etwas, noch verborgen. Noch nicht vollendet, aber es ist schon da. Vielleicht lädt uns dieser Sonntag deshalb gerade zu zwei Dingen ein:
Das Erste: Trauen wir Gottes Wort etwas zu! Wir müssen nur hinhören. Wenn wir die Heilige Schrift hören oder lesen, müssen wir nicht sofort jeden Satz sofort verstehen. Vielleicht genügt manchmal ein einziges Wort. Ein Satz. Ein Gedanke. Und vielleicht nehmen wir ihn mit in die kommende Woche. Wir müssen nicht sofort dreißigfach, sechzigfach oder hundertfach Frucht bringen. Vielleicht genügt zunächst eine kleine Wurzel.
Und das Zweite: Hören wir selbst nicht auf zu säen! Als Christen sind auch wir Sämänner und Säfrauen. Durch das, was wir sagen. Durch die Art, wie wir mit Menschen umgehen. Durch ein gutes Wort. Durch Vergebung. Durch Geduld. Durch unsere Hoffnung. Vielleicht denken wir manchmal: Das bringt doch nichts. Der hört mir sowieso nicht zu; interessiert sich nicht für den Glauben. Da fällt jedes Wort auf steinigen Boden. Aber wer sind wir, das zu entscheiden? Der Sämann im Evangelium entscheidet es auch nicht. Er sät. Den Rest vertraut er Gott an. Gott hat sein Wort auch in unser Leben gesät. Manches haben wir vielleicht vergessen. Manches haben Sorgen und Ängste überwuchert. Manches ist noch nicht aufgegangen. Aber manches wächst. Vielleicht viel mehr, als wir selbst sehen können. Wir müssen uns nur davon befreien, alles selbst zu beherrschen, dass alles allein von uns abhängt.
Vertrauen wir darauf: Gottes Wort wirkt, denn es ist da. Er ist da.
(Predigt zum 15. Sonntag im Jahreskreis A in der Wort-Gottes-Feier, 11.7.2026, in St. Hildegard, Berlin-Frohnau, und den Hl. Messen, 11.7.2026, in St. Katharinen, Mühlenbecker Land-Schildow, und 12.7.2026, St. Martin, Berlin-Märkisches Viertel)
Bild: Vincent van Gogh, Der Sämann, ca. 1888, Kunstmuseum Bern, Public Domain nach https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/df/Van_Gogh_-_Der_Sämann3.jpeg
