Taufgedächtnis

Evangelium

Wir Menschen sind vergesslich. Vieles, was gestern und vorgestern wichtig war, ist heute vergessen. Im Kleinen wie im Großen. Oder erinnern Sie sich an Meldungen in den Nachrichten vor zwei Wochen oder zwei Jahren, die damals alle aufgeregt haben? Die meisten sind heute vergessen.

Erinnern Sie sich zum Beispiel an den Juni vor 23 Jahren? Damals gab es über Wochen Temperaturen von über 35°. Bis dahin der heißeste Juni seit Wetteraufzeichnung. Das weiß ich nur deshalb so genau, weil meine jüngere Tochter da gerade geboren war und sich quasi gar nicht umstellen musste von der Körpertemperatur im Mutterleib. So warm wie heute war es damals auch. Alles vergessen! Damit will ich nicht sagen, dass es keinen Klimawandel gibt. Natürlich gibt es den! Alle seriösen wissenschaftlichen Quellen zeigen das.

Ich will daran nur zeigen: Wir Menschen sind eben vergesslich. Im Alltag, in den großen Fragen, wenn sie uns gerade nicht direkt angehen, aber genauso in Glaubensdingen. Auch da ist manches vergessen, weil es so banal und selbstverständlich scheint. Unsere Taufe zum Beispiel. Wer denkt schon täglich oder auch nur ab und zu daran, getauft zu sein. Ist das wirklich wichtig?

Manche sagen, ob man getauft ist oder nicht, darauf kommt es doch heute nun wirklich nicht an. Dass man ein guter Mensch ist, anständig, liebevoll. Das ist wichtig. Und es stimmt: Die Taufe allein ist kein Freifahrtschein zum Himmel, auch nicht zu einem sorgenfreien Leben. Ich muss mit meinem Getauft sein schon etwas anfangen.

Aber trotzdem könnten wir uns öfter daran erinnern: Die bedingungslose Zusage, Gottes geliebtes Kind zu sein, und dass uns nichts und niemand auf dieser Welt aus dieser Liebe herausreißen kann, das ist die größte Zusage, die wir Menschen überhaupt haben können. Und genau die bekommen wir in der Taufe ganz förmlich zugesprochen. Wir gehören hinein in die Liebe des Vaters zum Sohn, die der Heilige Geist ist. Wir gehören zu Jesus – im Leben wie im Tod. Wir gehören zu ihm, und das ist das Allerwichtigste, was es für uns Menschen geben kann. Genau DAS sollten wir nicht vergessen und uns immer wieder klar machen.

Die Dinge des Lebens sind auch wichtig – natürlich. Andere Menschen, gerade die, die uns nahestehen, natürlich. Aber dass wir in die Liebe Gottes hineingenommen sind, das ist noch viel wichtiger als das, was uns hier auf Erden am Allerwichtigsten ist.

Genauso sind auch die Worte Jesu im heutigen Abschnitt des Matthäusevangeliums zu verstehen, die in unseren Ohren so schroff und schwierig klingen: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig.“ Viele erschrecken über diesen Satz. Soll Jesus wirklich verlangen, dass wir unsere Familie weniger lieben? Will er Beziehungen zerstören? Nein, das will er nicht! Jesus hat selbst die Liebe zu den Eltern gelebt. Er hat das Gebot der Nächstenliebe gelehrt. Aber er macht deutlich: Wer ihm nachfolgt, muss ihm den ersten Platz im Herzen geben. Denn nur dann findet alles andere seinen richtigen Platz. Man könnte sagen: Jesus möchte nicht ein wichtiger Teil unseres Lebens sein. Er möchte die Mitte unseres Lebens sein. Das klingt anspruchsvoll. Und genau darum geht es im Evangelium: Christ sein ist mehr als eine religiöse Gewohnheit. Es ist eine Entscheidung. Es bedeutet, sich an Christus auszurichten.

Der Apostel Paulus beschreibt das in der zweiten Lesung mit den Worten der Taufe. Er erinnert die Christen in Rom daran, dass sie durch die Taufe mit Christus verbunden sind. Sein Tod wird zu unserem Tod, sein Leben zu unserem Leben.

Für viele von uns liegt die Taufe Jahrzehnte zurück. Wir können uns gar nicht daran erinnern. Aber Paulus macht deutlich: Die Taufe ist kein vergangenes Ereignis. Sie ist eine bleibende Wirklichkeit. Mit der Taufe hat Gott zu jedem von uns gesagt: Du gehörst zu mir. Das bedeutet aber auch: Wer zu Christus gehört, soll sein Leben nach Christus gestalten.

Vielleicht fragen wir uns manchmal: Was heißt das konkret? Die Antwort finden wir auch heute im Evangelium. Jesus spricht dort von den kleinen Dingen des Alltags. Er sagt: Wer einen Propheten aufnimmt, wer einen Gerechten aufnimmt, wer einem seiner Jünger auch nur einen Becher frisches Wasser gibt, wird seinen Lohn erhalten. Das überrascht. Nachdem Jesus zuvor vom Kreuztragen und von radikaler Nachfolge gesprochen hat, endet er mit einem Becher Wasser.

Gerade darin liegt eine wichtige Botschaft. Die Nachfolge Christi entscheidet sich oft nicht in den großen Heldentaten, sondern in den kleinen Gesten. Ein freundliches Wort, ein offenes Ohr, ein Besuch bei einem einsamen Menschen. Ein Anruf, eine helfende Hand, ein Zeichen der Versöhnung, ein Becher Wasser. Dort wird sichtbar, ob Christus wirklich die Mitte unseres Lebens ist.

Die erste Lesung erzählt von einer Frau aus Schunem. Sie nimmt den Propheten Elischa gastfreundlich auf. Sie tut nichts Spektakuläres. Sie baut ihm einfach ein kleines Zimmer, damit er ausruhen kann, wenn er vorbeikommt. Eine unscheinbare Tat. Aber gerade dadurch wird sie zum Segen für den Propheten – und schließlich auch selbst beschenkt.

Die Bibel zeigt immer wieder: Gott wirkt oft durch Menschen, die bereit sind, ihre Tür und ihr Herz zu öffnen. Vielleicht ist das eine der wichtigsten Botschaften dieses Sonntags: Der Glaube zeigt sich nicht zuerst in Worten, sondern in einer Haltung.

Wer Christus aufgenommen hat, wird selbst gastfreundlich. Wer sich Gott geliebt weiß, lernt zu lieben. Wer aus der Taufe lebt, wird zum Segen für andere.

Gerade heute braucht unsere Welt solche Menschen. Menschen, die nicht nur auf sich selbst schauen. Menschen, die Zeit schenken, die Hoffnung weitergeben. Menschen, die Brücken bauen statt Mauern. Dabei müssen wir keine außergewöhnlichen Helden sein. Jesus verlangt nicht, dass jede und jeder ganz Großes vollbringt. Er erwartet vielmehr Treue auch im Kleinen.

Vielleicht können wir uns ja fragen: Wo kann ich in der kommenden Woche Christus an die erste Stelle setzen? Wem kann ich ein wenig Zeit schenken? Wem kann ich zuhören? Wem kann ich helfen?

Denn das Reich Gottes beginnt nicht mit großen Taten, sondern mit kleinen Schritten. Mit einem offenen Herzen, mit einer offenen Tür, mit einem Becher Wasser. So wird sichtbar, was unsere Taufe bedeutet: Wir gehören zu Christus. Und weil wir zu Christus gehören, können andere durch uns etwas von seiner Liebe erfahren.

 

(Predigt in der Wort-Gottes-Feier zum 13. Sonntag im Jahreskreis A, 27.6.2026, in St. Hildegard, Berlin-Frohnau)

Bild: Taufbecken in der Basilika Santa Maria Maggiore, Rom (Foto: privat)

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