Sonntag des guten Hirten

Als die frühe Kirche die Evangelien-Lesungen für die einzelnen Sonntage festgelegt hat, stand der 2. Sonntag nach Ostern im Zeichen des guten Hirten. Deshalb nannte man diesen Sonntag nach den Anfangsworten des Eröffnungsverses auch „Misericordias Domini“ und nennt ihn so bis heute in den evangelischen Kirchen wie auch in der alt-katholischen Kirche.

Die römische Kirche verlegte mit der Liturgiereform Anfang der 70er Jahre den Sonntag des guten Hirten auf den vierten Sonntag der Osterzeit, um die ersten drei Sonntage den eigentlichen Osterevangelien (von den Begegnungen mit dem Auferstandenen) vorzubehalten. Und genau davon haben wir an den letzten Sonntagen ja gehört: von den Begegnungen mit dem Auferstandenen. Am Ostertag selbst: Maria Magdalena, am Ostermontag: die Jüngern auf dem Weg nach Emmaus, am zweiten Ostersonntag dann: Thomas, der nur durch diese Begegnung überhaupt erst glauben kann, und schließlich letzten Sonntag die Apostel am See von Genezareth. Sie alle begegnen dem Auferstandenen. Sie spüren: Er ist da. Er ist da für uns. Er lebt.

Auch heute spricht das Evangelium von der Begegnung mit dem Herrn – aber eben im Bild des guten Hirten und der Tür zu Gott, die er ist. Ein Bild, das vielleicht für viele heute ein wenig fremd wirkt. Die wenigsten von uns haben im Alltag mit Schafen zu tun. Und doch ist dieses Bild erstaunlich aktuell — vielleicht sogar aktueller, als es uns zunächst erscheint.

Im Evangelium sagt Jesus: „Ich bin die Tür zu den Schafen … Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ Jesus ist die Tür, die Tür, durch die wir zu Gott kommen und durch die Gott zu uns kommt. Er ist Gottes Selbstmitteilung, Offenbarung für uns. Er zeigt uns Gott so, wie er ist. Und warum ist er diese Tür? Damit wir „Leben in Fülle“ haben. Nicht nur Leben, irgendwie, überleben, mehr schlecht als recht. So wie wir Menschen eben leben. Nein: Leben in Fülle; volles Leben; Leben, wie Gott es für uns vorgesehen hat. Und dann: „Ich bin der gute Hirt.“

Jesus spricht diese Bildworte in eine Agrar-Gesellschaft, Nomaden, Kleinbauern, die mir kleinen Herden herumziehen. Über 80 % der damaligen Bevölkerung arbeiteten in der Landwirtschaft. Vergleiche mit Schafhirten waren also nur allzu vertraut. Damals war es so, dass sich mehrere Hirten für ihre Kleinherden einen Stall teilten. Darauf spielt Jesus wohl an, wenn er sagt: Die Schafe kennen die Stimme ihres Hirten. Nur der folgen sie. Auf die Diebe und Räuber hören sie nicht. Nun müssen wir ehrlich sagen: Nur die wenigsten heute werden mit diesen Vergleichen unmittelbar etwas anfangen können.

Wenn wir von Schafen hören, die ihrem Hirten folgen, wollen wir uns sicher nicht mit diesen Schafen vergleichen.  Und wieviel Schindluder wurde ja auch mit solchen Vergleichen getrieben? Die Laien seien wie dumme Schafe. Sie müssten von ihren klerikalen Hirten geführt werden. Wie viele werden sich heute genau daran erinnert fühlen, wenn sie das hier hören? Wie ein Schaf möchte nun niemand angesehen werden. Wie schwer fällt es, hier noch von Hirten zu sprechen? Und doch: Jesus sieht sich genau so. Ein guter Hirte kennt seine Schafe. Er kennt nicht nur die Herde als Masse — er kennt jedes einzelne. Er ruft sie beim Namen. Und sie erkennen seine Stimme. Das ist ein entscheidender Punkt: Beziehung.

Der gute Hirte ist nicht einfach ein Verwalter. Er ist nicht austauschbar. Er lebt mit den Schafen, sorgt sich um sie, geht ihnen voraus, sucht sie, wenn sie verloren gehen. Und genau hier berührt uns dieses Bild heute — mitten in unserer Wirklichkeit. Denn wie viele Menschen erleben heute Anonymität statt Beziehung, Orientierungslosigkeit statt Führung, Misstrauen statt Vertrauen. Viele fragen sich: Wem kann ich noch glauben? Wer meint es wirklich gut mit mir? Wo finde ich Halt? Was trägt heute noch?

Unsere Welt wirkt doch oft wie eine Herde ohne klaren Weg: Krisen, Kriege, Unsicherheit, Spaltungen — Stimmen, die zwar laut sind, aber nicht unbedingt gut tun; Stimmen, die versprechen, aber nicht tragen. Und genau in diese Welt hinein sagt Jesus: „Ich bin die Tür.“ „Ich bin der gute Hirt.“ Das heißt doch: Ich will euch Orientierung geben; sammeln, nicht verwirren; Leben schenken und nicht ausnutzen.

In der Apostelgeschichte haben wir gehört, wie die Menschen nach der Predigt des Petrus fragen: „Was sollen wir tun?“ Und vielleicht ist sie auch unsere Frage heute. Was sollen wir tun – in einer Zeit, in der vieles unsicher geworden ist? Petrus antwortet: Kehrt um. Lasst euch taufen. Öffnet euer Leben für Gott. Mit anderen Worten: Hört auf die Stimme dieses einen guten Hirten. Aber wie erkennen wir diese Stimme? Das ist vielleicht die entscheidende Frage. Die Stimme des guten Hirten ist nicht die lauteste. Sie ist nicht schrill. Sie drängt sich nicht auf. Aber sie hat eine bestimmte Qualität:

Sie führt zum Leben. Sie schenkt Hoffnung. Sie baut auf statt zu zerstören. Sie führt in die Freiheit – nicht in Angst. Der erste Petrusbrief sagt: „Ihr hattet euch verirrt wie Schafe, jetzt aber seid ihr zurückgekehrt zum Hirten und Hüter eurer Seelen.“ So, wie wir sind, können wir kommen. Wir müssen nicht perfekt sein. Auch wir verirren uns; auch wir irren. Alle – ausnahmslos!

Aber wir sind nicht verloren. Der gute Hirte sucht — und findet. Und das hat auch eine ganz konkrete Bedeutung für uns heute, für Kirche und Welt. Denn das Bild vom Hirten ist auch ein Auftrag an uns. Papst Franziskus sprach seinerzeit öfter davon, dass Hirten „den Geruch der Schafe“ annehmen sollen — also nahe bei den Menschen sein sollen. Aber das gilt nicht nur für Bischöfe oder Priester oder Diakone. Wir alle sind gerufen, einander gute Hirten zu sein. Denn das heißt doch: Acht geben aufeinander, füreinander Verantwortung übernehmen, füreinander da sein, nicht wegschauen, wenn jemand verloren geht. Gerade in einer Zeit, in der viele sich allein fühlen, ist das ein entscheidendes Zeugnis. Vielleicht beginnt es ganz klein: ein offenes Ohr, ein ehrliches Wort, ein Stück Zeit. So wird die Stimme des einen guten Hirten hörbar – durch uns!

Der gute Hirte zwingt nicht. Er lädt ein. Und er verspricht: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben – und es in Fülle haben.“ Nicht ein bisschen Leben, nicht ein eingeschränktes Leben, sondern Fülle. Wie viele erleben eher Mangel als Fülle: Mangel an Sicherheit, an Vertrauen, an Perspektive. Doch Jesus sagt: Es ist mehr möglich. Nicht, weil alle Probleme verschwinden. Sondern weil er da ist. Weil er führt. Weil er trägt. Weil er nicht aufgibt, uns nicht aufgibt; auch wenn wir selbst so oft aufgeben wollen.

Der gute Hirte ist keine romantische Figur aus vergangenen Zeiten. Er ist eine lebendige Wirklichkeit. Gerade heute. Gerade für uns. Vertrauen wir seiner Stimme. Folgen wir seinem Weg! Und versuchen wir, selbst Spuren dieses guten Hirten in unserer Welt zu hinterlassen. Damit Menschen durch uns etwas von dieser Wahrheit spüren: Dass sie nicht verloren sind. Dass sie gerufen sind. Dass sie geliebt sind.

Heute Morgen wurde der frühere Bischof von Magdeburg, Leo Nowak, beigesetzt. Von ihm stammt der Satz: Das Christentum ist nicht nur eine Religion der Hoffnung, „es ist DIE Religion der Hoffnung“ (1). Denn die Hoffnung auf Leben, auf Fülle des Lebens, hat ein Gesicht: das Gesicht des Menschen Jesus, der der Christus, der Sohn Gottes, ist. In ihm ist die Hoffnung auf die Fülle des Lebens endgültig wahr geworden.

 

(1) Vgl. Leo Nowak: Un-ausrottbar. Das Prinzip Hoffnung für Christen und Nichtchristen. Leipzig, Benno-Verlag, 2019, S. 86.

(Predigt in der Wort-Gottes-Feier zum 4. Ostersonntag, 25.4.2026, in St. Hildegard, Berlin-Frohnau)

Bild: Calixtus-Katakombe Rom, Fresko des guten Hirten, gemeinfrei aus: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Good_shepherd_02b_close.jpg

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