Wir sind wie Lazarus

 

Evangelium

 

Die Lesungen dieses Sonntags führen uns mitten hinein in eines der zentralsten Themen unseres christlichen Glaubens: vom Tod zum Leben geführt zu werden.

Wir gehen auf Ostern zu – auf das Fest unseres Lebens. In der frühen Kirche war die Fastenzeit besonders die Zeit, in der sich die Taufbewerber, die Katechumenen, auf ihre Taufe in der Osternacht vorbereiteten.

Und auch heute kann man die Lesungen – wie an allen Sonntagen vor Ostern – auf die Taufe hin lesen. Auch heute sprechen die Lesungen deshalb in einer sehr starken Sprache über neues Leben.

In der ersten Lesung aus dem Buch des Propheten Ezechiel hören wir eine gewaltige Verheißung Gottes. Gott spricht zu seinem Volk: „Ich öffne eure Gräber und hole euch aus euren Gräbern herauf.“ (Ez 37,12) Das ist eine radikale Aussage. Gott sagt nicht: Ich mache euer Leben ein bisschen besser. Er sagt: Ich hole euch aus den Gräbern heraus. Damit meint er ja nicht nur das Grab am Ende unseres Lebens.

Er spricht auch von den vielen Gräbern mitten im Leben: Situationen der Hoffnungslosigkeit, der Schuld, der inneren Leere, der Angst.

Wie viele Menschen kennen solche Erfahrungen, wenn Beziehungen zerbrechen, wenn man sich innerlich leer fühlt, wenn man keinen Sinn mehr sieht, wenn Schuld das Herz belastet. Auch das sind gewissermaßen Gräber des Lebens. Doch Gott sagt: Ich öffne diese Gräber. Und genau das wird im Evangelium von der Auferweckung des Lazarus sichtbar.

Jesus kommt zu dem Grab des Freundes. Er sieht die Trauer der Menschen, er sieht die Verzweiflung der Schwestern Martha und Maria.

Und dann geschieht etwas sehr Menschliches:

Das Evangelium sagt den kürzesten Satz der ganzen Bibel: „Jesus weinte“. Gott steht nicht fern von unserem Leid. Gott ist kein Beobachter unseres Lebens. In Jesus weint Gott mit uns.

Aber Jesus bleibt nicht beim Mitleid stehen. Er ruft mit lauter Stimme: „Lazarus, komm heraus!“ Und Lazarus kommt aus dem Grab.

Aber diese Geschichte ist mehr als ein Wunderbericht. Sie ist ein Zeichen – ein Hinweis darauf, was Gott mit uns tun will. Und auch das können wir in der Taufe verstehen.

Denn die Taufe bedeutet nämlich genau das: Gott ruft uns aus dem Tod ins Leben. Wenn ein Mensch getauft wird, geschieht symbolisch etwas sehr Tiefes. Der Täufling wird mit Wasser übergossen oder untergetaucht. Dieses Wasser steht für Tod und Leben zugleich. Wir wurden mit Christus begraben durch die Taufe, damit wir mit ihm zu einem neuen Leben auferstehen (Röm 8,11).

Taufe ist also nicht nur ein schönes Ritual über dem Täufling. Taufe bedeutet: Gott schenkt uns ein neues Leben. Er sagt zu jeder und jedem: Du bist mein geliebtes Kind. Ich lasse dich nicht untergehen. Du gehörst nicht mehr dem Tod. Du gehörst zum Leben.

So sind wir alle ein bisschen wie Lazarus. Auch zu uns hat Christus einmal gesagt: „Komm heraus.“ Komm heraus aus Angst, komm heraus aus Schuld, komm heraus aus allem, was dein Leben gefangen hält.

Doch im Evangelium passiert noch etwas Interessantes.

Als Lazarus aus dem Grab kommt, ist er noch mit Leinenbinden umwickelt. Und Jesus sagt zu den Umstehenden: „Löst ihm die Binden und lasst ihn gehen.“ Das ist ein wichtiges Detail. Lazarus lebt wieder – aber er braucht Hilfe, um wirklich frei zu werden.

Auch das sagt viel über unseren Glauben: Die Taufe ist der Anfang eines neuen Lebens – aber dieses Leben muss wachsen. Und dabei brauchen wir einander. Niemand kann für sich allein glauben. Niemand kann für sich allein leben. Wenn wir das meinen, werden wir scheitern. Vereinsamen, Verzweifeln. Nur deshalb gibt es die Kirche.

Wir helfen einander, die „Binden“ zu lösen: Binden der Angst, Binden der Schuld, Binden der Hoffnungslosigkeit. Glaube ist nie nur eine Privatsache. Er ist ein gemeinsamer Weg zum Leben.

Deshalb können wir uns gerade in der Zeit auf Ostern zu immer wieder die Frage stellen: Lebe ich eigentlich aus meiner Taufe?

In der Taufe hat Gott gesagt: Du bist mein geliebtes Kind. Dein Leben ist wertvoll. Der Tod hat nicht das letzte Wort über dich.

Und genau darauf läuft diese Erzählung von Lazarus hinaus. Die Auferweckung des Lazarus ist gewissermaßen die Vorschau auf Ostern. Denn wenige Kapitel später wird Jesus selbst sterben – und auferstehen. Der, der Lazarus aus dem Grab ruft, wird selbst durch den Tod hindurchgehen. Genau deshalb kann er auch uns rufen.

Vielleicht gibt es in unserem Leben gerade Situationen, die sich wie ein Grab anfühlen. Vielleicht gibt es Dinge, die uns gefangen halten.

Dann dürfen wir darauf vertrauen: Christus steht auch vor unserem Grab. Und er sagt auch zu uns: „Komm heraus!

Das ist die Stimme unserer Taufe, die Stimme des Lebens, die Stimme Gottes. Und diese Stimme sagt uns: Du bist nicht für das Grab geschaffen. Du bist für das Leben geschaffen. Hab keine Angst vor dem Tod! Aber noch wichtiger: Hab keine Angst vor dem Leben! Ich bin und ich bleibe bei Dir.

 

(Predigt in der Wort-Gottes-Feier zum 5. Fastensonntag, 21.3.2026, in St. Hildegard, Berlin-Frohnau)

Bild: privat

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