Ungleiche Geschwister

Evangelium

Auch heute hören wir wieder eine biblische Erzählung, wo wir leicht das Gefühl haben: die kennen wir so gut, dass wir schnell damit fertig sind, und so vielleicht das Revolutionäre übersehen, das darin steckt.

Heute also: Maria von Bethanien und ihre Schwester Martha.

So oft gehört: Jesus ist in Bethanien zu Gast bei den beiden, bei Martha, die sich aufopfernd um den Gast kümmert, und ihrer Schwester Maria, die sich ihm zu Füßen setzt und nichts tut als ihm zuzuhören.

Ich frage jetzt nicht, wer Geschwister hat. Denn die kennen das bestimmt. Man hat manchmal das Gefühl: die sind so ganz anders als ich. Bei mir war es so: Ich habe einen Bruder, der ist jünger als ich, und ich hatte immer das Gefühl: Der kümmert sich um gar nichts; ich muss immer für alles sorgen; der sitzt nur rum und lässt Gott einen guten Mann sein; eher ein Träumer; eine Künstlernatur. Ich dagegen musste mich sorgen und war – im wahrsten Sinn des Wortes – „zerrissen von den vielen Aufgaben“, so wie es hier bei Martha steht. In unserer heutigen Bibelübersetzung steht: „Du machst dir viele Sorgen und Mühen“. Das klingt so ein bisschen harmlos. Aber wörtlich steht da im griechischen Original: „Du bist nach allen Seiten hin gezerrt und zerrissen“ und „du machst dir um alles Sorgen und grübelst.“ Zuviel!, könnte man ergänzen. Ja, Martha macht sich Sorgen, dass es dem Gast gut geht, dass er zufrieden ist, dass er nichts auszusetzen hat. Und so geht es uns ja auch, wenn Besuch kommt. Alles soll aufgeräumt sein und hübsch; wir holen das bessere Geschirr vor und wollen, dass alles perfekt ist.

Natürlich werden jetzt viele Frauen sagen: Klar, eine muss es ja machen! Denn Männer kümmern sich viel zu wenig. Vor einigen Jahren hatte der Katholische Frauenbund eine Kampagne mit dem Logo: „Auch ich bin Martha!“, um darauf aufmerksam zu machen, dass unsere Gemeinden ohne die vielen Marthas zusammenbrechen würden. Und das ist ja auch so. Martha ist eine, die sich kümmert; bei mir zuhause würde man sagen: „die was schafft.“ Und sie beschwert sich dann doch völlig zu Recht, dass man ihr auch mal helfen könnte.

Diese Woche habe ich gelesen: Das eigentlich Skandalöse an dieser Geschichte ist ja nicht, dass Martha alles allein machen muss, sondern dass Maria sich letztlich so verhält, wie sich ein Mann verhalten würde.

Das stimmt, und zwar nicht aus Sicht der Geschlechtergerechtigkeit, sondern ganz wörtlich: Maria setzt sich zu Füßen Jesu und hört ihm, dem Rabbi, zu. Das gab es in der jüdischen Gesellschaft zur Zeit Jesu nicht. Eine Frau tat das damals nicht. Nur Männer konnten Schüler des Rabbi sein, zu seinen Füßen sitzen und der Lehre zuhören, um dann selbst wieder Lehrer zu werden. Dass eine Frau (Maria) hier diese Rolle einnimmt, ist revolutionär. (1)

Aber auch Martha erfüllt das damalige Frauenbild eigentlich nicht. Allein, dass sie als Frau einen Mann gastlich aufnimmt, wäre unvorstellbar gewesen. Das drückt schon ihr Name aus: „Martha“ heißt übersetzt „Herrin, Gastgeberin“; Chefin, wenn man so will. Auch das ist etwas Besonderes! Es geht hier also gerade nicht um eine Unterordnung Marthas, und es geht auch nur vordergründig um einen Streit unter Geschwistern.

Die Älteren unter uns erinnern sich noch: Früher (in der alten Einheitsübersetzung) hieß es: „Maria hat das Bessere gewählt; das soll ihr nicht genommen werden.“ Das ist grundfalsch. Denn im Griechischen steht hier kein Komparativ, sondern richtig heißt es, „Maria hat einen guten Teil gewählt“ (also: auch sie macht es richtig), „das wird ihr nicht genommen.“

Nicht das eine ist besser als das andere, sondern beides gehört zusammen, wie die Geschwister zusammengehören, auch wenn sie unterschiedlich sind. Denn in uns allen ist Martha und Maria.

Ich finde: Genau so ist es auch in unseren Gemeinden. Natürlich brauchen wir die vielen Marthas; ohne sie kann es gar nicht gehen (übrigens Frauen und Männer!). Aber genauso brauchen wir auch das Zuhören; dem Wort Gottes zuhören; sich Jesus zu Füßen setzen und ihm zuhören. Und nicht gleich etwas zu machen oder zu sagen oder zu wissen, und zu wollen. Nur: HÖREN!

Anfang dieser Woche hat die Kirche das Fest des heiligen Bonaventura gefeiert, ein Nachfolger des heiligen Franziskus. Der hat einmal gesagt: Wenn ich alles kenne, aber nicht Christus, kenne ich gar nichts. Wenn ich nichts kenne, aber Christus kenne, kenne ich eigentlich alles. Das ist hier gemeint mit dem „Notwenigen“. Maria tut, was dringend nötig ist, was letztlich not-wendig ist, die Not wendet: auf Jesus hören, und was er mir für mein Leben sagen will, ganz persönlich, für mein Leben! Und was er uns sagen will: als Gemeinde, als Kirche, der Welt. Das ist dringend nötig. Im Original steht da auch nicht: „nur eines ist notwendig“, da steht: „aber eines ist nötig.“ Das schmälert nicht, was sonst noch wichtig und richtig ist; die vielen Mühen und Sorgen. Denn Martha macht ja nichts falsch. Ich glaube auch nicht, dass Jesus sie tadeln will.

Er will nur deutlich machen –, und das gilt für uns (mit all unserer Geschäftigkeit und unserem Funktionieren, mit unseren Handys und dem ganzen Hin und Her) noch viel mehr: Wir müssen uns auch mal hinsetzen und zuhören! Denn er will, dass wir ihm zuhören. Dass wir ihn als Gast aufnehmen. Und das heißt: Nicht nur um Rumwuseln, sondern wirklich begegnen. So wie Abraham in der ersten Lesung heute Gott begegnet. Nur daraus entsteht Leben, Fülle des Lebens. Martin Buber hat gesagt: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ So ist es. Und dazu gehört eben: sich hinsetzen und zuhören! Still werden! Und das Wort des anderen vernehmen.

(Predigt in der Hl. Messe zum 16. Sonntag im Jahreskreis C, 19.7.2025, in Christkönig, Berlin-Lübars)

Bild: Jan Vermeer, Christus bei Maria und Martha, um 1654.
Gemeinfrei nach: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Johannes_(Jan)_Vermeer_-_Christ_in_the_House_of_Martha_and_Mary_-_Google_Art_Project.jpg

(1) Vgl. Lechtenberg, Anke: Die Sonntagsevangelien im Lesejahr C. Auslegungen für Predigt und Meditation. Regensburg, Verlag Pustet, 2024, S. 145 f..

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