
Den 2. Sonntag in der Weihnachtszeit feiern wir nicht jedes Jahr. Das hängt davon ab, auf welchen Wochentag das Weihnachtsfest fällt und ob demzufolge nicht an diesem Sonntag gleich das Fest der Taufe des Herrn kommt.
Wenn wir ihn feiern, hören wir noch einmal das Evangelium vom Weihnachtstag, den Beginn des Johannes-Evangeliums. Ein bekannter Text, vor allem aber ein bedeutungsschwerer, abstrakter, fast poetischer Text. Um so mehr, wenn wir davor die alttestamentliche Lesung aus dem Buch Jesus Sirach hören. Das sagt die „Weisheit“ von sich selbst, „Vor der Ewigkeit, von Anfang an, hat er mich erschaffen, und bis in Ewigkeit vergehe ich nicht“ (vgl. Sir 24,9). Die Weisheit, die wir Christen seit frühester Zeit auf Christus selbst beziehen; eben denjenigen, der im Anfang bei Gott und Gott selbst war und der Fleisch geworden ist. Der Logos, das ewigen Wort Gottes (vgl. Joh 1,1 ff.), in das Jesus Mensch geworden ist.
Genau das feiern wir an Weihnachten. Dieses Ereignis in der Geschichte, wo der unbegreifliche, ferne, unsagbar große Gott in Jesus zur Welt kommt, einer von uns wird, unser Bruder als Mensch.
Das klingt – wie gesagt – alles sehr abstrakt, theologisch, und es klingt so gar nicht nach dem, was wir in der Krippe sehen und wie wir uns Weihnachten vorstellen – nach dem Lukas-Evangelium: Das Kind im Stall; die Hirten und Engel; Maria und Josef; die Tiere und der Stern. Eben, wie wir es uns anschaulich machen, und auch ein bisschen romantisch und heimelig.
Nicht, dass Sie mich falsch verstehen! Die eine Art das Ereignis von Weihnachten zu beschreiben, ist nicht besser als die andere. Ich sehe da gar keinen Widerspruch. Wir brauchen diese anschaulichen Bilder von der Krippe, und zum Besten, was unser Pfarrei-Patron, der Hl. Franziskus, getan hat, gehört sicher die „Erfindung“ der Weihnachtskrippe. Natürlich brauchen wir solche Bilder für etwas, was wir uns einfach nicht vorstellen können.
Die Frage, warum Gott Mensch wurde, treibt Christinnen und Christen seit frühester Zeit um. Warum? Und warum so – in dieser konkreten Person, in diesem Jesus? Große Theologen haben dicke Bücher darüber geschrieben. Die kann man alle lesen. Aber man kann sich auch einfach vor die Krippe stellen und dieses Kind betrachten.
Ein verletzliches, verwundbares, kleines Kind, ein Baby, ohne die Hilfe seiner Eltern kaum überlebensfähig. Gott macht sich verwundbar; das zeigt uns das Leben dieses Jesus in aller Deutlichkeit. Er macht sich verwundbar bis zum Tod am Kreuz. Der mächtige, erhabene, große Gott (alles Begriffe, mit denen wir unsere Gottesvorstellung und vor allem unsere Lieder und Bilder ja gerne ausstaffieren), er wird ein verwundbarer Mensch, ein Kind, und genau das zeichnet Jesu ganzes Dasein aus: verwundbar zu sein. Ein völliger Paradigmenwechsel!
Nicht in den Palästen der Reichen und den Orten der Macht, der Politik; nicht mit Pauken und Trompeten wird er einer von uns. Auch wenn viele, die sich Christen nennen, gerade heute genau so ein Bild wieder propagieren: Jesus – der Kämpfer; der die eigene Nation (oder wen auch immer) wieder groß macht.
Nein! Gerade unter dem Ablegen all dieser Attribute, ja der Verweigerung gegen alles Mächtige, Gewaltsame, Herrschende, wird er einer der Kleinen, der Armen, der Kinder, wird er Mensch. Warum? Damit wir begreifen, was Menschsein ist; wirklich menschlich werden; solche Menschen, wie Gott sie sich vorstellt; wie er es uns vorgelebt hat: Weihnachtliche Menschen!
„Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel gekommen“, beten wir immer wieder im nizäno-konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis. Durch dieses Kind erscheint Gottes Liebe in der Welt, erscheint das Leben, das Licht in den Dunkelheiten unserer Existenz. „Leben“ heißt hier nicht biós, bloß biologisches Leben. Um Biologie allein geht es bei der ganzen Menschwerdung überhaupt nicht. Hier geht es um einen Begriff von Leben, für den die griechische Sprache des Neuen Testaments ein eigenes Wort hat, zoé: um gelingendes Leben; Leben, das aus der Macht der Angst befreit ist; gutes Leben; erfülltes Leben; Leben mit Gott.
Das hat er uns gebracht. Dazu ist er Mensch geworden, um Gott genau so zu zeigen, wie er ist. Damit wir seine Geschwister werden können, Kinder Gottes, Menschen, die befreit sind aus der Macht der Angst um sich selbst.
Damit Gottes Wort unser Herz hell machen kann und wir sein Wort zu den Menschen tragen – damit für alle Menschen Weihnacht wird; die Dunkelheit und Verzweiflung erhellt werden; Hoffnung ein Gesicht bekommt, dazu ist er Mensch geworden. So wie es Mutter Theresa von Kalkutta einmal gesagt hat: „Jedes Mal, wenn wir Gott durch uns hindurch andere Menschen lieben lassen, ist Weihnachten“ (vgl. https://www.bistum-dresden-meissen.de/static/archiv/archiv-2017/frohe-und-gesegnete-weihnachten.html).
Ein schwieriges Jahr ist zu Ende gegangen. Was vor uns liegt, wissen wir nicht. Wir leben in wirren Zeiten. Schlechtes wird für gut ausgegeben, Lüge für Wahrheit, Fake ist in Mode; Maßstäbe, die früher selbstverständlich galten, werden – nonchalant – aufgegeben. Das spürten wir nicht nur in den politischen Ereignissen dieses Jahres.
„Man kann verzweifelt oder wehmütig dabei werden, wenn man so an Silvester [wieder] merkt, wie wieder ein Stück des irdischen Lebens unwiderruflich vergangen ist. Aber die Zeit eilt Gott und seiner Ewigkeit entgegen, nicht der Vergangenheit und dem Untergang“ (vgl. Rahner, Karl: Das große Kirchenjahr, 1992, S. 135).
Denn „Gott hat sein letztes, sein tiefstes, sein schönstes Wort im fleischgewordenen Wort in die Welt hineingesagt. Und dieses Wort heißt: ich liebe dich, du Welt und du Mensch“ (ebd., S. 80).
„Und das Wort ist Fleisch geworden“ – und es will auch heute unter uns wohnen, damit wir weihnachtliche Menschen werden.
(Predigt in der Wort-Gottes-Feier zum 2. Sonntag in der Weihnachtszeit, 4.1.2026, in Maria Gnaden, Berlin-Hermsdorf, und St. Hildegard, Berlin-Frohnau)
Bild: Ausschnitt aus der Weihnachtskrippe von St. Hildegard, Berlin-Frohnau
Foto: privat