
Die Bergpredigt, sicher einer der bekanntesten Texte der Weltliteratur. Und wenn jemand fragt, was Christsein denn bedeute, wird immer wieder genau darauf verwiesen: Da stehts! So geht Christsein. Das Evangelium Jesu in einer „Predigt“ zusammengefasst. Selbst wer heute vom Evangelium nichts mehr kennt, die Bergpredigt kennen viele (noch immer) als Kern des Christseins, quasi „der Personalausweis der Christen“, wie der frühere Papst Franziskus sagte (1).
Letzten Donnerstag sagte Papst Leo, wir dürften allerdings nicht vergessen, dass gerade hier bei uns, „in den Ländern mit einer langen christlichen Tradition, heute die Zahl derer immer größer wird, die das Evangelium nicht mehr als eine Ressource ihrer Existenz wahrnehmen“(2); die uns also die Frage stellen: Was Christsein denn eigentlich sei? Die nicht verstehen, warum es von Bedeutung für ihr Leben sein soll, was Jesus sagt und tut. Denen also gar nichts fehlt, wenn Gott fehlt, weil es einfach egal ist.
In diese Welt hinein die Bergpredigt zu sagen, kann schwierig sein. Denn sie ist radikal und herausfordernd. Sie stellt unsere Welt auf den Kopf. Viele, vielleicht die meisten, hören die Bergpredigt und sagen: Ja schön, aber das ist doch unmöglich. Wer kann denn so leben? Das funktioniert doch nicht.
„Selig die Sanftmütigen“, „selig die Barmherzigen“, „selig, die reinen Herzens sind.“ Wer kann das schon von sich sagen – konsequent, durchgängig, von Herzen? Oft wird die Bergpredigt so gelesen, als lege Jesus uns hier eine neue, höhere Moral vor. Als sage er: Strengt euch einfach mehr an! Seid besser! Seid heiliger! Und am Ende bleiben wir zurück mit schlechtem Gewissen oder mit dem stillen Entschluss, es eben nicht so genau zu nehmen.
Aber was, wenn wir die Bergpredigt so falsch herum lesen? Was, wenn Jesus gar nicht sein ethisches oder politisches Programm hier vorlegen will, seine Regierungserklärung gewissermaßen. Was, wenn Jesus hier ganz nicht zuerst und sagt, wie wir sein sollen, sondern wer er selbst ist?
Zu Beginn des Textes setzt sich Jesus „und öffnet seinen Mund“. Matthäus beginnt nicht zufällig so: „Als Jesus die Volksmenge sah, stieg er auf den Berg. Und er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. Und er tat seinen Mund auf und lehrte sie“ (Mt 5,1f.).
Der Berg ist der Ort der Offenbarung Gottes – ein symbolischer Ort in der Bibel. Mose empfängt dort das Gesetz. Und jetzt sitzt Jesus auf dem Berg und spricht. Was folgt, ist kein neues Gesetz im Sinne von: So kommt ihr zu Gott; so werdet ihr heilig; so müsstet ihr‘s machen, um perfekt zu sein. Es ist vielmehr eine Offenbarung des Reiches Gottes, also wie Gottes Welt ist, wie sie in Jesus wahr wird. Denn mit ihm ist dieses Reich Gottes da. Die Seligpreisungen sind kein blauäugiges Ideal, sondern sie beschreiben ihn.
Schauen wir uns die Seligpreisungen einmal so an, als würden sie ein Porträt zeichnen. „Selig sind, die arm sind vor Gott.“ Jesus selbst ist der, der alles loslässt. Er klammert sich nicht an Macht, nicht an Sicherheit, nicht einmal an sein eigenes Leben. Er wird arm – bis ans Kreuz.
„Selig sind, die Leid tragen.“ Jesus ist der Mann der Schmerzen. Er leidet mit den Kranken, den Ausgegrenzten, den Schuldigen. Er trägt das Leid der Welt – nicht nur von außen, sondern von innen.
„Selig sind die Sanftmütigen.“ Jesus zwingt niemanden. Er ruft, er lädt ein, wirbt – aber er überrollt nicht. Keine politische Macht! Keine Gewalt! Selbst am Kreuz verzichtet er auf Gewalt.
Und so könnten wir‘s mit allen Seligpreisungen machen: Nicht als Anweisungen zuerst auf uns beziehen, sondern als Beschreibung auf Jesus selbst. Er ist es, der barmherzig ist; er ist es, der „um der Gerechtigkeit willen verfolgt wird“. Er vergibt, wo niemand mehr vergibt. Er ist ohne Falschheit, ohne doppelten Boden. In ihm ist keine Berechnung, kein verstecktes Interesse. Nur darum kann er sagen: „Wer mich sieht, der sieht den Vater“ (Joh 14,9). Denn er zeigt uns Gott genau so, wie er ist.
Wenn wir die Seligpreisungen so lesen, dann merken wir: Sie beschreiben zuerst Jesus. Wie er die Liebe lebt; wie er mit den Armen solidarisch ist, den Entrechteten, den Trauernden. Die Seligpreisungen sind Zuspruch, bevor sie Anspruch sind.
Jesus beginnt jede seiner Aussagen mit dem Wort: „Selig“, also glücklich. Nicht mit: Wenn du endlich so bist, dann …, sondern: Du bist selig, weil Gott dir nahekommt. Und diese Nähe hat einen Namen: Jesus Christus.
Er erfüllt die Seligpreisungen für uns – nicht, damit wir sie abhaken, sondern damit wir an ihm teilhaben. Die Bergpredigt ist kein Leistungskatalog, sondern die Einladung in eine Beziehung mit ihm.
Und was heißt das für unser Leben? Dass egal ist, wie wir handeln? Denn nur er handelt so. Nein! Es heißt: Unser Leben folgt mit ihm. Wir werden nicht sanftmütig, um selig zu werden. Wir werden sanftmütig, weil wir bei dem sind, der sanftmütig ist. Wir hungern nicht nach Gerechtigkeit, um Gott zu beeindrucken. Wir hungern, weil wir von seiner Gerechtigkeit gekostet haben. Die Seligpreisungen sind keine Leiter zu Gott – sie sind der Weg, den Gott selbst zu uns geht.
Am Ende der Bergpredigt steht nicht ein perfekter Mensch. Am Ende steht ein Mensch, der Jesus vertraut, sich ihm anvertraut.
Was wäre denn „das Gegenteil von dem, was Jesus predigt … Sind etwa die Überheblichen von Gott gesegnet? Sind denn die zu beneiden, die ihre Gefühle unterdrücken? Leben die Streitsüchtigen etwa glücklicher? … Leben die Hartherzigen mit mehr Freude? Ist denen nachzueifern, die immer undurchsichtige Absichten und Hintergedanken haben? Sollen wir die Kriegstreiber mit Preisen überschütten?“ (3)
Gilbert Keith Chesterton, dem großen englischen Schriftsteller, wird zugeschrieben: „Liest man die Bergpredigt zum ersten Mal, hat man den Eindruck, dass alles auf den Kopf gestellt wird. Beim zweiten Mal entdeckt man, dass alles genau richtiggestellt wird. Zuerst denkt man, ein derartiges Leben sei unmöglich, um dann festzustellen, dass nichts anderes möglich ist.“
Denn das Gegenteil von dem, was uns Jesus zeigt, führt in den Abgrund, in Verzweiflung, Einsamkeit, Bitterkeit. Das Programm von Jesus ist keine Überforderung, sondern die Grundlage für ein Menschenleben, das glücklich wird, das gelingt, das relevant wird für andere. Selig ist, wer in Christus lebt.
(Predigt in der Wort-Gottes-Feier zum 4. Sonntag im Jahreskreis, 1.2.2026, St. Hildegard, Berlin-Frohnau, und in der Hl. Messe, 31.1.2026, Christkönig, Berlin-Lübars)
Bild: Carl Heinrich Bloch: Bergpredigt, 1877. (Dänisches Nationalmuseum, Schloss Frederiksborg) Public Domain: https://it.wikipedia.org/wiki/Discorso_della_montagna#/media/File:Bloch-SermonOnTheMount.jpg
(3): Fabian Retschke SJ, zitiert nach: One Minute Homily, 31.1.2026, in: youtube https://youtu.be/hF3ADPHK_TQ?si=XE1UovYR5HPOBeo9)