
Wir stehen am Beginn der Heiligen Woche. Palmsonntag – ein Tag voller Gegensätze. Wir hören vom jubelnden Einzug Jesu in Jerusalem: „Hosanna dem Sohn Davids!“
Die Menschen breiten ihre Kleider aus, schwenken Palmzweige, sie feiern Jesus als den ersehnten Retter. Und nur wenige Augenblicke später hören wir die Passion: Verrat, Verleugnung, Leiden und schließlich der Tod am Kreuz.
Zwischen „Hosanna“ und „Kreuzige ihn“ liegt nur ein schmaler Grat. Und vielleicht erschreckt uns das auch ein wenig, weil wir spüren: Diese Spannung liegt nicht nur in der damaligen Menge – sie liegt auch in uns selbst.
Wir wünschen uns einen starken Gott, einen, der eingreift, der Probleme löst, der Leid beendet. Einen Gott, der unsere Erwartungen erfüllt. Doch Jesus zeigt uns einen anderen Weg. Er kommt nicht mit Macht und Gewalt, sondern in Demut. Er reitet nicht auf einem Kriegspferd, sondern auf einem Esel. Sein Weg ist nicht der der schnellen Lösungen, sondern der der Liebe – bis zum Äußersten.
Die Lesungen dieses Tages führen uns genau in dieses Geheimnis hinein. Im Buch des Propheten Jesaja hören wir vom Gottesknecht, der Leid erträgt, der sein Gesicht nicht verbirgt vor Schmähungen und Speichel. Und doch sagt er voller Vertrauen: „Gott, der Herr, wird mir helfen.“ Das ist kein billiger Optimismus. Das ist eine Hoffnung, die mitten im Leid standhält.
Auch der Philipperbrief zeigt uns Jesus als den, der sich selbst entäußert hat.
Der, obwohl er göttlich war, Mensch wurde – und gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Und gerade darin liegt seine Erhöhung. Gerade darin zeigt sich die Größe Gottes: nicht im Triumph über andere, sondern in der Hingabe für andere.
Was bedeutet das für uns heute?
Zunächst einmal: Jesus will uns eine Hoffnung schenken, die tiefer geht als äußere Umstände. Eine Hoffnung, die nicht davon abhängt, ob alles gut läuft. Eine Hoffnung, die auch dann trägt, wenn wir durch dunkle Zeiten gehen.
Vielleicht kennen wir solche Momente: Zeiten der Unsicherheit, der Angst, der Enttäuschung. Zeiten, in denen wir uns fragen: Wo ist Gott jetzt? Warum greift er nicht ein?
Der Palmsonntag gibt uns darauf keine einfachen Antworten. Aber er zeigt uns einen Weg. Jesus geht diesen Weg selbst. Er geht hinein in das Leid, in die Dunkelheit, in die Verlassenheit – und genau dort bleibt er nicht allein. Genau dort ist Gott.
Die Hoffnung, die Jesus uns bringt, ist keine Flucht aus der Wirklichkeit. Es ist eine Hoffnung, die die Wirklichkeit verwandelt – von innen heraus. Sie sagt uns: Du bist nicht allein. Dein Leid ist nicht sinnlos. Dein Weg endet nicht im Karfreitag.
Denn wir wissen: Palmsonntag ist nicht das Ende der Geschichte. Der Weg Jesu führt durch das Kreuz hindurch – zum Leben, zur Auferstehung.
Und vielleicht ist das die wichtigste Botschaft für uns heute: Gott ist auch dann am Werk, wenn wir es nicht sehen. Er ist auch dann nahe, wenn wir ihn nicht spüren. Und er führt uns – oft auf verborgene Weise – zum Leben.
Die Menschen in Jerusalem hatten ihre eigenen Vorstellungen davon, wie der Messias sein sollte. Als Jesus diesen Erwartungen nicht entsprach, kippte ihre Begeisterung. Das lädt uns ein, uns zu fragen: Welche Erwartungen habe ich an Gott? Bin ich bereit, mich von ihm überraschen zu lassen?
Die Hoffnung Jesu ist keine bequeme Hoffnung. Sie fordert uns heraus. Sie lädt uns ein, ihm nachzufolgen – auch auf den schwierigen Wegen. Sie lädt uns ein, Vertrauen zu wagen, wo wir nichts sehen. Liebe zu leben, wo Hass ist. Treu zu bleiben, wo es schwerfällt.
Vielleicht können wir in dieser Woche ganz bewusst mit Jesus gehen. Ihn begleiten – nicht nur im Jubel, sondern auch im Leiden. Und dabei entdecken: Gerade dort, wo wir meinen, alles sei verloren, beginnt Gott etwas Neues.
Gehen wir in diese Heilige Woche mit offenen Herzen! Halten wir die Spannung aus zwischen Freude und Leid! Und vertrauen wir darauf: Der, der in Jerusalem eingezogen ist, ist derselbe, der uns heute begleitet! Seine Liebe geht auch mit uns.
Denn er kommt auch in unser Leben – leise, unscheinbar, aber immer voller Liebe. Und er bringt eine Hoffnung mit, die stärker ist als alles Leid.
(Predigt in der Wort-Gottes-Feier zum Vorabend des Palmsonntags, 28.3.2026, in St. Hildegard, Berlin-Frohnau)
Bild: Christus-Medaillon mit den vier Evangelisten-Symbolen, Basilica di Santa Cecilia, Rom (Foto: privat)