
Am 3. Sonntag im Jahreskreis feiern wir den Sonntag des Wortes Gottes. Papst Franziskus hat ihn 2020 für die ganze Kirche eingeführt; in Deutschland feiern wir schon seit den 70er Jahren Ende Januar den „Ökumenischen Bibelsonntag“. In diesem Jahr fallen beide auf denselben Tag. Welche Bedeutung das Wort Gottes für uns hat, wollen wir an diesem Tag eigens bedenken.
Das Wort Gottes – wer dieses Wort ist, ist für Christen klar: Jesus. Er offenbart den Vater. Er zeigt uns Gott so, wie er ist. In ihm wurde Gottes Güte in menschlicher Gestalt sichtbar. „Wer ihn sieht, sieht auch den Vater (vgl. Joh 14,9). Er ist es, der durch sein ganzes Dasein und seine ganze Erscheinung, durch Worte und Werke, durch Zeichen und Wunder, vor allem aber durch seinen Tod und seine herrliche Auferstehung von den Toten, schließlich durch die Sendung des Geistes der Wahrheit die Offenbarung erfüllt und abschließt“, formulierte es das II. Vatikanische Konzil (vgl. Dei Verbum, 4).
Dieses Wort, diese Wahrheit, die die ganze Person Jesu ist, die drückt sich in den menschlichen Worten der Hl. Schrift aus. Entscheidend ist nun aber: Wie? Wie drückt sich sein Wort in der Hl. Schrift aus? Denn wir Christen glauben ja nicht, dass das, was wir in der Bibel lesen, durch einen göttlichen Finger auf Tafeln geschrieben wurde und vom Himmel fiel.
Das unterscheidet uns z. B. von den Mormonen. Sie glauben, ihr Religionsgründer Joseph Smith habe in den Appalachen goldene Tafeln gefunden, auf die Gott seine Offenbarung geschrieben hat in einer Art Phantasiesprache, die nur er (Joseph Smith) verstehen konnte.
Und auch von den Muslimen unterscheiden wir uns. Sie halten unerschütterlich daran fest, dass der Quran von Gott wortwörtlich so dem Propheten diktiert worden ist (in Arabisch), und deshalb darf man daran auch kein Jota ändern, und deshalb könne der Quran eigentlich auch gar nicht in eine andere Sprache übersetzt werden, denn Gott habe nun mal in Arabisch diktiert.
Die Juden und (mit ihnen) wir Christen haben von Anfang an dieses wort-wörtliche Schriftverständnis durchaus problematisch gesehen.
Und dennoch gibt es bis heute gerade unter uns Christen immer wieder Streit darüber, was denn nun genau Gottes Wort ist und Gottes genaue Worte sind. Ich zitiere gerne und oft den großen jüdischen Religionswissenschaftler Pinchas Lapide:
„Es gibt im Grunde nur zwei Wege, mit der Bibel umzugehen: Entweder man nimmt die Bibel wörtlich oder man nimmt sie ernst. Beides zusammen geht nicht“ (Viktor E. Frankl, Pinchas Lapide, Gottsuche und Sinnfrage. Ein Gespräch, Gütersloh, 2005, S. 67).
Denn wenn Sie das, was Ihnen in der Bibel entgegentritt, allein wörtlich nehmen und vergessen, dass es menschliche Worte sind aus einer bestimmten Zeit und Kultur, dann können Sie diese Worte nicht wirklich ernst nehmen.
Aber wenn wir sie ernst nehmen wollen, also darauf vertrauen, dass Gott durch Jesus Christus und seine Botschaft, seinen Weg als Mensch in einer bestimmten Zeit und einer bestimmten Kultur, auch uns heute etwas sagen will, was auch für uns, für jede und jeden einzelnen von uns einen unbedingten Ernst hat, dann dürfen wir diese Worte nicht allein wörtlich nehmen, sondern müssen immer wieder versuchen, ihren Sinn für uns zu erschließen.
So auch heute: Jesus verlässt Nazareth, um in Kafarnaum zu „wohnen“. Im Gebiet von Naftali und Sebulon – von Jerusalem und Judäa aus gesehen ein heidnisches Gebiet; da wohnen gar keine „wahren“ Juden. Wir haben es in der ersten Lesung gehört: Schon der Prophet Jesaja nennt die Leute dort „ein Volk im Dunkeln“, im „Schattenreich des Todes“.
Und genau da will Jesus wohnen? Das Wort „wohnen“ klingt so unscheinbar, aber es ist hier von großer Bedeutung; griechisch „katoichein“ heißt: wirklich niederlassen und bleiben, das Wohnen als Lebensmittelpunkt.
Im Alten Testament wird aber in Bezug auf die Propheten und auch auf Gottes ganzes Volk immer, wenn „wohnen“ gemeint ist, dass sie „par-oichein“ verwendet, also sich nur vorübergehend aufhalten; im Sinne von „keine Bleibe haben“, „weiterziehen“, im Sinne von „nur Gast auf Erden“ sein.
Das Evangelium legt hier also anscheinend großen Wert darauf, dass Jesus sich niederlässt und bleibt, und zwar in einem Gebiet ganz weit weg vom rechtgläubigen Jerusalem, im „Land des Todesschattens“ gewissermaßen.
Was will uns dieses Wort heute sagen? Genau vor solchen Fragen stehen wir, wenn wir die Heilige Schrift lesen.
Jesus beansprucht, dass die Verheißung des Jesaja mit ihm in Erfüllung gegangen ist, und er kommt gerade zu den Menschen, die im Dunkeln sind, als „ein helles Licht“, wie hier steht. Gerade sie sollen spüren: Er ist bei uns, und er befreit auch uns aus der Macht der Angst, er zeigt uns den Weg zum Leben. Er ist wirklich der Messias, den Jesaja verheißen hat.
Genau daran knüpft Jesus an; auch mit seiner Forderung nach Umkehr. „Umkehr“ ist hier sicher die bessere Übersetzung gegenüber Buße, wie in manchen Bibelübersetzungen noch immer steht. Es geht hier nicht allein um Buße; zumindest nicht nach unserem Verständnis von „Buße“.
Am klarsten wäre der hebräische Begriff „schub“. Damit ist gemeint: Abkehr von allem Bösen und somit von dem, was Gott entgegengesetzt ist, und Hinkehr zu Gott. Das meint „Umkehr“ hier.
Der griechische Begriff „metánoia“, der hier im Neuen Testament steht, meint: „Umdenken“, also das Denken ändern, den Blick wenden. Nicht mehr nur an mich selbst denken und das, was quasi vor meinem Bauch liegt, sondern den Blick, mein Denken, auf Gott richten und so umkehren.
Diese Abkehr vom Bösen und die Hinkehr zu Gott, das ist Voraussetzung dafür, dass ich Gottes Reich, also dem, was er für mein Leben will, nahe kommen kann: Die Fülle des Lebens zu haben.
Auch die Jüngerberufungen hier im Evangelium müssen so verstanden werden: Es geht nicht nur vordergründig um einen „Berufswechsel“: vom Fische-Fischer zum Menschen-Fischer zu werden. Es geht um die Änderung der Lebenseinstellung. Nicht mal eben so ein bisschen mitgehen und zusehen, was Jesus tut und „Teilzeit-Nachfolgen“, sondern ganz teilhaben und ihn zum Lehrer für eigene Leben machen.
Im Judentum war das Verhältnis eines Schülers (Talmid) zu seinem Lehrer (Rabbi) sehr klar definiert: Der Schüler suchte damals den Lehrer aus und nicht umgekehrt; und dann hatte der Schüler erst nach etwa 20 Jahren ausgelernt. Ein Jude, der Rabbiner werden wollte, war etwa vom 20. bis zum 40. Lebensjahr Schüler eines Rabbi; die meisten lernten daher vorher ein Handwerk und studierten dann quasi nebenberuflich. Wenn man sich also einen Lehrer aussuchte, dem man folgen wollte, dann hieß das, sein Leben und Denken diesem Lehrer ganz anvertrauen.
Genau das fordert Jesus hier auch: Wir kennen das von anderen Stellen: Nachfolge heißt Selbstverleugnung, heißt Nachfolge bis zum Kreuz, eine erschreckende Radikalität (Mk 8,34-38, Mt 16,24-27, Lk 9,23-26), heißt das Aufgeben jeder Sicherheit (Mt 8,18-22, Lk 9, 57-60) und das Hintansetzen aller menschlichen Bindungen (Mt 10,37, Lk 14,26). (Vgl. hierzu: Katharina Elisabeth Deifel OP: Predigtanregungen für das Lesejahr A. Fromm Verlag, 2019, S. 100f.)
Jesus will uns ganz; er will, dass wir unsere Einstellung zum Leben ändern, „umkehren“ und seinem Weg als Lebenseinstellung folgen.
Das alles klingt für uns heute, gerade bei uns in Westeuropa, sehr merkwürdig: diese Radikalität, diese Ausschließlichkeit, diese Ganzheit der Nachfolge. In unserer bürgerlichen Bequemlichkeit ist das schon sehr fremd.
Aber in anderen Teilen der Welt, denken Sie z. B. an viele islamische Länder oder an Russland oder China, da sind Christen heute ganz anders gefordert. Da bedeutet, den Weg Jesu mitzugehen, oft Diskriminierung und Ausgrenzung, vielleicht sogar Gefahr bis hin zum Einsatz des Lebens. Und wenn man sieht, was gerade in den USA passiert, wagt man gar nicht daran zu denken, was in diesem Jahr noch alles auf Menschen zukommen kann, die nicht Trumps autoritärem Regime folgen.
Letzte Woche haben drei US-Kardinäle ein Statement gegen menschenunwürdiges Verhalten abgegeben, drei Kardinäle, die genau für diesen Weg der Nachfolge Jesu einstehen. Wer weiß, was Ihnen noch blüht. Ich vergesse nie, was der frühere Erzbischof von Chicago, Kardinal Francis George, kurz vor seinem Tod sagte: Ich werde in meinem Bett sterben, mein Nachfolger wird vielleicht im Gefängnis sterben und dessen Nachfolger auf den Straßen totgeschlagen werden.
Der Weg Jesu kann zum Märtyrerweg werden – überall.
(Predigt in der Wort-Gottes-Feier zum 3. Sonntag im Jahreskreis, 24.1.2026, in St. Hildegard, Berlin-Frohnau)
Bild: privat