„Freut euch im Herrn zu jeder Zeit!“

Evangelium

Der Advent ist eine Zeit der Vorbereitung. Wir bereiten uns auf das Kommen des Herrn vor, seine Geburt, seine Menschwerdung. Und in jedem Advent steht nicht allein die Erinnerung an das historische Geschehen im Mittelpunkt. Wenn es allein Erinnerung wäre, wäre es keine Vorbereitung auf das, was kommt. Jedes Mal, wenn wir den Advent begehen, spüren wir, dass dieses Kommen, diese Ankunft noch bevorsteht. Seine Ankunft in uns. Seine Menschwerdung durch unsere Menschwerdung. Dadurch, dass wir zu Menschen werden, so wie er sich uns Menschen wünscht.

Die vier Wochen des Advents stehen in ihrem Charakter immer auch für vier Aspekte dieses Menschseins, so wie Gott ihn sich erdacht hat. So wie wir Menschen „eigentlich“ sein sollen.

Der erste Adventssonntag stellt die HOFFNUNG in den Mittelpunkt: Wir sollen Menschen sein, die durch Hoffnung bestimmt sind. Durch die Erwartung, dass eintritt, was uns zugesagt ist: „Haltet euch bereit! Der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.“ „Der Tag ist nahe“. Seid Pilger der Hoffnung, sagt uns der 1. Advent.

Letzten Sonntag, am 2. Advent, stand der FRIEDE im Mittelpunkt: Wenn das Reich Gottes vollends da ist, wird „der Wolf Schutz beim Lamm finden“. Dann entscheidet man „nicht mehr nach dem Augenschein und dem Hörensagen, sondern entscheidet für die Armen im Land. Man tut nichts Böses und begeht kein Verbrechen mehr“ und die Ruhe, also der Friede, des Herrn wird herrlich sein.

Und heute, am 3. Adventssonntag, sollen wir der FREUDE gedenken, die uns bevorsteht. Auch wenn wir genau wissen, dass es in unserem Alltag nicht immer nur Grund zur Freude gibt. Auch die ersten Christen lebten nicht in Zeiten, die zum Freuen waren. Natürlich! Das wusste auch Paulus, als er schrieb: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit.“ Aber er wusste eben auch, dass wir uns „im Herrn“ freuen können – und zwar immer und überall. „Im Herrn“, also im Vertrauen auf ihn, in der Zusage, dass ER es ist, der zu uns kommt und nicht irgendein weiterer Prophet, der klug über Gott redet, der uns Ratschläge gibt, wie man anständig, ethisch, leben soll, sondern dass Gott selbst in ihm zur Welt kommt, einer von uns wird, in allem uns gleich, außer der Sünde.

Genau das drückt auch das heutige Evangelium aus: Johannes ist im Gefängnis und hatte von den Taten Jesu gehört. Und er lässt Jesus fragen: Bist DU es? Bist DU der Messias, auf den wir alle warten? Und Jesus sagt den Boten des Johannes, sie sollten Johannes berichten, was sie sehen und hören: „Blinde sehen wieder und Lahme gehen“; „Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium verkündet.“ Jesus macht lebendig; er bringt neues Leben, wo vorher nur Verzweiflung und Not und innere „Wüste“ waren. Er schafft Leben – nicht allein biologisches Leben, nein: gutes Leben; Fülle des Lebens; gelingendes, wertvolles Leben; eben so, wie Gott es für uns will.

Seine Selbstaussage ist das, was er tut. Er redet nicht nur, er tut. Gottes Wort verändert, macht lebendig. Das erkennen auch die Jünger des Johannes, den Jesus den größten aller Propheten nennt, aber der immer nicht kleiner ist als der Kleinste, Unbedeutendste, in Gottes neuer Wirklichkeit. In der Sicht Gottes ist auch der Kleinste nicht unbedeutend. Die Perspektive Gottes lässt auch uns Kleinste bedeutend, sinnvoll, „groß“ sein.

Die Freude, die wir am heutigen Adventssonntag feiern, ist genau das: zu wissen, niemand ist wertlos; kein Schmerz ist umsonst; niemandes Tod führt in Nichts. Wir haben in Jesus die Zusage auf das Kommen Gottes in unsere Welt, in unsere ganz persönliche Existenz. Wie klein und unbedeutend die auch scheinen mag. Der Unterschied zwischen Johannes und Jesus ist: Johannes sagt uns, wie wir leben sollen: Die Reichen sollen mit den Armen teilen, Zöllner und Soldaten sollen niemanden ausbeuten und das bestehende Unrecht wenigstens in den Grenzen des faktisch Unvermeidbaren halten. Jesus dagegen verkündet, WORAUS wir Menschen leben dürfen. Johannes gibt Handlungsanweisungen; Jesus macht ein Freundschaftsangebot. Und zwar das größte von allen. „Das Christentum ist nicht eine moralische Lehre, sondern eine Lebensform. Gott bietet uns Menschen seine Freundschaft an. Genau das feiern wir an Weihnachten. Und genau das schafft die FREUDE, die alles Leid besiegt; nicht naiv, sondern weil es nicht „mehr“ zu hoffen gibt als die Gemeinschaft mit Gott. Wer aus diesem Selbstverständnis lebt, ist – auch wenn er der Kleinste ist – größer als Johannes und als alle Moralisten aller Zeiten.“ (Vgl. Hermann Kügler SJ: Christsein – eine Lebensform, in: Ignatianische Nachbarschaftshilfe, 13.12.2025)

Das Kind, das da an Weihnachten im Stall liegt, ist Gott, der für uns die Größe eines Babys einnimmt, damit wir ihn überhaupt verstehen und annehmen können.

Am nächsten, dem 4. Adventssonntag feiern wir dann Gottes unendliche LIEBE, dass diese Liebe Mensch wird, damit wir liebevoll werden, damit die leidende Welt erlöst wird, geheilt, befreit aus der Macht der Angst, und damit wir befreit sind aus der Macht der Angst um uns selbst durch den Messias, das Wort Gottes, das in einem Stall geboren wurde.

(Predigt zum 3. Adventssonntag, 13./14.12.2025, in St. Hildegard, Berlin-Frohnau, und im Franz-Jordan-Stift, Berlin, Waidmannslust.

Bild: privat

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