
Wir Menschen sind verschieden, und das auch gut so. Was dem einen gefällt, mögen andere gar nicht. Wobei wir natürlich, wenn wir ganz ehrlich sind, schon gerne hätten, dass alle genauso denken, wie man selbst. Ich zum Beispiel mag viele Marienlieder nicht. Denn die Texte sind meist in Bildern, die heute oft unfassbar kitschig erscheinen und nur noch von wenigen verstanden werden. Andere aber mögen gerade das, weil es alt ist und vertraut und irgendwie auch heimelig ist.
„Es kommt ein Schiff geladen“ ist auch so ein altes Marienlied. Bei uns Katholiken firmiert es als Weihnachtslied (Gotteslob; Nr. 236); die evangelischen Schwestern und Brüder singen es schon zur Adventszeit (EG; Nr. 8), wahrscheinlich wegen des „kommt“: „Es KOMMT ein Schiff geladen“. Denn das drückt eine zeitliche Perspektive aus; und im Bild des „Schiffes“ steckt ja auch eine Bewegung, ein Weg auf ein Ziel zu, wie eben auch im Advent.
Aber in dem Lied geht es natürlich vor allem um die Geburt (ums „Niederkommen“, wie man früher sagte) und um die Mutter dessen, der da geboren werden soll, dieser „teuren Fracht“. Die Mutter, die „Gottes Sohn voll Gnaden“ trägt und Mensch werden lässt, Maria, die „Gottesgebährerin“; auch so ein alter Ausdruck – dafür, dass sie es ist, der wir zu verdanken haben, dass Gottes „ew’ges Wort“ Mensch wurde, „ein Mensch wie wir, in allem uns gleich, außer der Sünde. (Hebt 4,15) Darum geht es in diesem Lied: um die Menschwerdung.
Gottes Sohn wird Mensch wie wir. Das bekennen wir jedes Mal, wenn wir das Glaubensbekenntnis sprechen. Das eint alle Christinnen und Christen: Das Bekenntnis zum Gottessohn.
Genau vor 1.700 Jahren, im Konzil von Nizäa, wurde diese Glaubenswahrheit für uns Christen als essentiell festgehalten. Denn wir Christen glauben ja an einen Gott, der nicht fern ist, unerreichbar, transzendent, „in unzugänglichem Licht“. Wir glauben, dass dieser Gott ein Gesicht hat, ein Herz, dass er sich uns mitteilen will, sich offenbaren will, und zwar uns! Uns Menschen!
„Für uns Menschen und zu unserem Heil“ ist er Mensch geworden, damit wir „das Leben haben und es in Fülle haben“, damit wir aus der Macht der Angst um uns selbst befreit werden, erlöst, wie man früher sagte, und damit wir seiner Liebe glauben können. Dass uns Menschen überhaupt die Möglichkeit eines solch erlösenden Wortes zugesagt ist, ist der Grund für die Menschwerdung Gottes. Nur dazu ist er in dem historischen Jesus von Nazareth Mensch geworden. Und darum geht es in „Es kommt ein Schiff geladen“.
Der Autor ist nicht 100%ig genau zu identifizieren, oft wird der Straßburger Dichter Daniel Sudermann angenommen. So steht es auch hier im Gesangbuch. Katholisch getauft ging er in eine calvinistische Schule, wurde Lehrer, dann Vikar, und 1626 brachte er das „Straßburger Gesangbuch“ heraus, in dem er „Es kommt ein Schiff geladen“ publizierte. Zurück geht es auf eine noch ältere Mariendichtung.
Viele glauben, es ist inspiziert von der deutschen Mystik, von Johannes Tauler, Meister Eckart und Heinrich Seuse. Manche meinen sogar, das Lied stamme aus der Feder Johannes Taulers selbst.
Denn Tauler sprach von der „inneren Menschwerdung“. Nur, wenn wir in unserer Seele, im „Gemüt“, uns in mit ihm vereinen, werden wir wirklich zu Menschen, so wie es uns Jesus gezeigt hat. Denn nur ER zeigt uns, was wahres Menschsein überhaupt heißt.
Neu geboren werden, zu Menschen werden, dazu braucht es – nicht nur hier im Lied – zwei Dinge: das Segel der „Liebe“ und den Mast des „Heiligen Geistes“. Nur durch sie werden wir Menschen wie Christus.
Denn nur durch sie entsteht die Bewegung zum Ziel hin.
So gehen wir auf Weihnachten zu, auf das Fest der Menschwerdung, um selbst zu Menschen zu werden, solche Menschen, wie Jesus sie sich vorgestellt hat. Nicht nur eine Jungfrau Maria damals, auch wir sollen (immer wieder neu) Jesus zur Welt bringen. Darum geht es.
Um es mit den Worten des großen Hanns Dieter Hüsch zu sagen:
„… mit Christus gleichsam neu auf die Welt kommen. …“
„Große Freude ist uns verkündigt worden, soll in uns leben.“ Denn:
„Christus ist unter uns.“
„Erbarmen und Zuversicht werden uns begleiten.“
„Freiheit und Erlösung als Geschenk.“ (1)
So Menschsein. Das feiern wir an Weihnachten, darauf läuft Advent zu.
Das bringt uns „das Schiff“ Maria damals, heute und auch morgen.
(Predigt im Ökumenischen Gottesdienst zum 1. Advent, 30.11.2025, Evangelische Dorfkirche, Berlin-Lübars)
(1) Vgl. http://www.hüsch.org/html/weihnachtswuensche.html
Bild: https://en.wikipedia.org/wiki/Es_kommt_ein_Schiff,_geladen (public domain)