Für wen halten wir Jesus?


Evangelium

„Ihr aber, für wen haltet Ihr mich?“

Ich glaube, diese Frage ist eine der wichtigsten im ganzen Evangelium.

Wir sind ja gewohnt, diese Frage Jesu quasi als Aufhänger zu nehmen, damit Petrus dann sein Christusbekenntnis ablegt und Jesus ihm daraufhin bestätigt: „Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen“.  Und im Zentrum der Kirche, unter der Kuppel von St. Peter in Rom, ist dieser Vers auch in riesigen Lettern zu lesen. Von diesem Satz leitet sich dann der Auftrag des Papsttums und die hierarchische Verfassung der Ämter in unserer Kirche her.

Dabei vergessen wir aber leicht, was Jesu zuvor gefragt hat: „Für wen halten die Menschen den Menschensohn?“ Und die Jünger antworten: Manche für Johannes der Täufer, für Elija oder anderen einen Propheten. Die Menschen hielten Jesus also für einen bedeutenden religiösen Lehrer, einen, der prophetisch von Gott spricht und auf Gott verweist. Das allein wäre ja durchaus respektabel.

Aber Jesus wird persönlich: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ Die Frage gilt sicher nicht nur den Aposteln. Denn es geht auch um uns: Wer ist dieser Jesus für mich?

Wenn Petrus antwortet: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“, dann heißt das eben nicht nur, du bist ein außergewöhnlicher Mensch, ein bedeutender Lehrer, ein religiöses Vorbild, sondern: Du bist der Christus, der Messias, der Gottessohn Also derjenige, der uns befreit und der Welt das Heil bringt. Auf den das jüdische Volk bis heute wartet. Der Retter!

Glauben wir das? Ist das Jesus für dich und mich? Genau hier liegt eine der entscheidenden Fragen, auch für unsere Zeit. Denn auch Menschen, die am christlichen Glauben wenig finden, können Jesus heute sehr schätzen: seine Zuwendung zu den Armen, seine Kritik an religiöser Heuchelei, seine Botschaft von der Feindesliebe, seine Solidarität mit Menschen am Rand. Man kann Jesus bewundern, ohne an ihn zu glauben.

Aber das Evangelium behauptet ja mehr. Das christliche Bekenntnis lautet nicht nur: Jesus zeigt uns, wie ein guter Mensch leben soll, sondern, wie Gott ist. Also dass Gott in Jesus genau so sichtbar wird, wie er ist.

In der zweiten Lesung des heutigen Sonntag hören wie jedoch über Gott: „Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege!“ Das heißt doch: Wir können Gott nicht erkennen, begreifen. Niemand kann Gott vollständig begreifen und erklären. Gerade Theologen tun ja gerne so, als hätten sie alles verstanden. Als wüssten sie ganz genau: so und nicht anders ist Gott, und genau das und nichts anderes will er. 

Mein Lehrer, der Jesuit Peter Knauer, hat sein ganzes theologisches Lebenswerk dieser einen Frage gewidmet: Wie können wir eigentlich sachgemäß von Gott sprechen? Und wie kann christlicher Glaube vernünftig verantwortet werden? Gott ist nicht einfach ein Gegenstand unserer Erkenntnis neben anderen Gegenständen. Gott ist nicht ein zusätzliches Wesen irgendwo im Jenseits. Gott ist, ohne wen nichts ist.“ (1)

So wie Paulus es in der zweiten Lesung sagte: „Aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist die ganze Schöpfung.“ Wir können Gott niemals wie einen Gegenstand vor uns stellen und vollständig begreifen. Gott bleibt Geheimnis. Aber wenn Gott unbegreiflich ist: Wie können wir dann wissen, wie er zu uns steht? Können wir aus unserem Leben ablesen, ob Gott uns liebt? Unser Leben ist widersprüchlich. Wir erleben Glück und Unglück. Gesundheit und Krankheit. Liebe und Einsamkeit. Erfüllung und Scheitern. Es wäre ziemlich problematisch zu sagen: Wenn es mir gut geht, liebt Gott mich. Und wenn es mir schlecht geht, hat er mich verlassen. Auch wenn es „christliche“ Gruppierungen gibt, die genau das behaupten. Woher wissen wir also, dass Gott uns liebt?

Unsere Antwort kann nur lauten: allein durch Jesus.

Peter Knauer hatte einen Gedanken, den ich besonders schön fand: An Jesus als den Sohn Gottes zu glauben, bedeutet, aufgrund seines Wortes darauf zu vertrauen, dass wir in die Liebe hineingenommen sind, mit der der Vater von Ewigkeit her den Sohn liebt.

Das klingt ziemlich theologisch. Aber eigentlich ist es etwas ungeheuer Persönliches.

Denn dann bedeutet der Satz „Jesus ist der Sohn Gottes“ nicht nur eine Aussage über Jesus. Er ist zugleich eine Aussage über uns. Er bedeutet: DU bist von Gott geliebt. Nicht irgendwie. Nicht gelegentlich. Nicht solange dein Leben gelingt. Sondern mit einer Liebe, die ihr Maß nicht an dir hat. Mit der Liebe, mit der der Vater seinen Sohn liebt. Jesus Christus gibt Gottes Liebe ein Gesicht. Aber Christus zeigt uns nicht nur eine allgemeine Eigenschaft Gottes, nämlich dass Gott irgendwie liebevoll sei. Christus sagt mir: Diese Liebe gilt dir. Wenn wir wissen wollen, wie Gott dem schuldigen Menschen begegnet, können wir auf Jesus und die Ehebrecherin schauen. Wenn wir wissen wollen, wie Gott den Ausgegrenzten ansieht, schauen wir auf Jesus, der Aussätzige berührt. Wenn wir wissen wollen, was jeder einzelne Mensch Gott bedeutet, schauen wir auf Jesus, der bei Bartimäus stehenbleibt. Wenn wir wissen wollen, ob menschliches Leid Gott gleichgültig ist, schauen wir auf Jesus am Grab des Lazarus: Jesus weint. Und wenn wir wissen wollen, wie weit seine Liebe geht, dann schauen wir auf das Kreuz. Dort wird das christliche Gottesbild radikal. Denn dort begegnet uns kein Gott, der das Leiden der Welt aus sicherer Entfernung betrachtet. In Christus geht Gott selbst in die Verwundbarkeit der Menschen. Bis hinein in Leiden und Tod.

„Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Das ist keine richtige Antwort auf eine religiöse Wissensfrage.  Es ist ein Bekenntnis. Und Jesus sagt ausdrücklich: „Nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel.“ Glaube ist mehr als das Ergebnis einer intellektuellen Schlussfolgerung. Das bedeutet keineswegs, dass Glaube unvernünftig wäre. Aber die Vernunft allein produziert keinen Glauben. Ich kann historisch sehr viel über Jesus von Nazaret wissen. Ich kann seine Verkündigung untersuchen. Ich kann die Entstehung der Evangelien erforschen. Ich kann mich wissenschaftlich mit der Christologie beschäftigen. Und all das ist wichtig. Aber damit habe ich noch nicht gesagt: „Du bist der Christus.“ Denn in diesem Satz geschieht etwas anderes: Ich setze Vertrauen.

Vielleicht ist das der entscheidende Punkt. Glaube bedeutet nicht: Ich habe Gott verstanden. Glauben heißt: Ich vertraue Gott, weil ich Jesus vertraue. Und das verändert auch unseren Umgang mit den Fragen, auf die wir keine Antwort haben. Warum gibt es Leid? Warum Krankheit? Warum zerbrechen Lebensentwürfe? Warum müssen Menschen sterben?

Wir haben darauf keine einfachen Antworten. Paulus hatte sie offensichtlich auch nicht. „Wie unerforschlich sind seine Wege.“ Aber wir haben Christus. Und deshalb müssen wir Gott nicht zuerst begreifen, um ihm vertrauen zu können. Wenn ich wissen möchte, wem ich da vertraue, schaue ich auf Jesus Christus: auf seine Barmherzigkeit, auf seine Freiheit, auf seine Zuwendung zu den Menschen, auf sein Kreuz und seine Auferstehung.

Peter Knauer hat den Kern unseres Glaubens ganz schlicht zusammengefasst: „Es geht darum, sich in Gottes Liebe geborgen zu wissen.“ (2) Nicht zuerst bestimmte religiöse Leistungen zu vollbringen. Nicht zuerst alle theologischen Fragen beantworten zu können. Sondern sich in Gottes Liebe geborgen zu wissen, und aus diesem Geborgensein zu leben.

„Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ In Dir kommt der unbegreifliche Gott uns nahe. Durch Dich dürfen wir wissen, wie Gott zu uns steht. Und durch Dich dürfen wir glauben: Wir sind hineingenommen in diese Liebe. Wir sind in ihr geborgen. Und nichts, keine Macht der Welt – ja nicht einmal der Tod – kann uns aus dieser Liebe herausreißen.

(1) Vgl. Peter Knauer: Kurze Einführung: Christlicher Glaube. 2. Aufl.. Norderstedt, 2020, S. 11.
(2) Ebd., S. 29 f..

(Predigt zum 21. Sonntag im Jahreskreis A in der Wort-Gottes-Feier am 22.8.2026, St. Hildegard, Berlin-Frohnau, und den Hl. Messen am 23.8.2026, Maria Gnaden, Berlin-Hermsdorf, und St. Hildegard, Berlin-Frohnau)

Bild: Innenansicht der Kuppel von Sankt Peter im Vatikan, Rom, Foto: privat

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