Emmaus ist überall

Evangelium

Ostern geht weiter. Ostern ist nicht nur nicht nur der eine Festtag im Jahr. Ostern ist ein Weg, und von diesem Weg hören wir heute im Evangelium: Da sind diese zwei Menschen unterwegs. Sie gehen von Jerusalem nach Emmaus, verunsichert, enttäuscht, ratlos. Sie wissen nicht mehr, wie es weitergeht. Was sie geglaubt haben, scheint zerbrochen. Was sie getragen hat, ist ihnen entglitten.“ (1). Man muss sich das vorstellen: Der, auf den sie alle Hoffnungen setzten, ist den schändlichsten Tod gestorben, den man sich nur vorstellen konnte: Als Verbrecher am Kreuz, entrechtet, erniedrigt, ohne Würde. Und so gehen sie weg aus Jerusalem. „Es ist ein Weg bergab, geografisch und innerlich, die Beine und das Herz schwer von Enttäuschung, Trauer, Bitterkeit: „Wir hatten gehofft, er sei derjenige, der Israel befreien würde …“ (2)

Sie wissen nicht, wie es weitergehen soll. Alles, woran sie geglaubt haben, ist zerbrochen. Die Hoffnung, die ja mutmaßlich zuletzt sterben soll, für sie ist sie gestorben. Denn dieser Jesus sollte ja ihr Retter sein, sie von der Knechtschaft, der römischen Besatzung, befreien, ihrem Volk seine Würde zurückgeben. Und nun alles aus? Deshalb gehen sie weg – traurig und enttäuscht.

„Und mitten in diese Bewegung hinein tritt einer. Er geht mit. Er hört zu, er fragt nach, er deutet ihr Leben. Sie erkennen ihn nicht, und doch geschieht etwas. Am Ende sagen sie: „Brannte nicht unser Herz, als wir unterwegs waren und er zu uns sprach?“ Ist das nicht eine Geschichte gerade für unsere Zeit? Auch wir sind doch unterwegs, auch wir suchen, auch wir fragen, was trägt, was bleibt, was Sinn gibt.“ (1)

Für die Jünger auf dem Weg nach Emmaus ist immer noch Karsamstag. Aber Ostern verändert alles. Wie unterschiedlich die heutigen Lesungen sind. Auf der einen Seite (in der ersten Lesung) Petrus, der voller Überzeugung die Auferstehung verkündet. Auf der anderen Seite diese zwei Menschen, die mit gesenktem Blick ihren schweren Weg gehen. Vielleicht ist das auch ein Bild für unseren eigenen Glauben. Es gibt die Karsamstage unseres Lebens, voller Fragen, voller Sorgen Tage, an denen der Glaube eher wie der Weg nach Emmaus aussieht: langsam, nachdenklich, enttäuscht. Wo wir – wie die zwei Jünger – spüren, wie die Begeisterung gewichen ist, die Hoffnung in Frage gestellt ist.

Und es gibt Tage, an denen unser Glaube stark ist. Tage, an denen wir voller Vertrauen sagen können: Ja, Christus lebt. Ja, Gott ist da. Ja, ich vertraue ihm. Von den beiden Jüngern kennen wir nur einen Namen (Kleopas), der andere ist namenlos. Vielleicht bewusst, damit jede und jeder sich hier auch selbst sehen kann. Mitten auf diesem Weg der zwei geschieht etwas Überraschendes: Ein Fremder kommt dazu und geht mit ihnen. Wir wissen als Zuhörer sofort, wer dieser Fremde ist. Es ist der auferstandene Jesus. Aber die beiden Jünger erkennen ihn nicht. Der geht einfach mit und hört zu.

„Vielleicht wäre das auch der Weg der Kirche heute. [Einfach mitgehen], aufsuchen, zuhören, verstehen … Nicht alles wissen, nicht alles erklären können, aber unterwegs sein und darauf vertrauen. Gott begegnet uns oft unerkannt, oft leise, aber immer wirklich“ (1). Das ist ein bemerkenswertes Detail. Diese Menschen haben Jesus ja gekannt. Sie sind seine Jünger gewesen, haben ihn gehört, ihm vertraut. Und doch erkennen sie ihn nicht, als er neben ihnen geht. Vielleicht liegt das daran, dass ihre Herzen voller Trauer sind. Wer traurig ist, sieht oft nur noch das, was verloren gegangen ist. Die Jünger erzählen dem Fremden ihre Geschichte. Und dann fällt dieser eine Satz, der so viel Enttäuschung enthält: „Wir aber hatten gehofft …“ Dieser Satz könnte auch aus unserem Leben stammen. Wie viele Menschen sagen: wir hatten gehofft, dass eine Krankheit heilbar ist, wir hatten gehofft, dass eine Beziehung hält, hatten gehofft, dass ein Plan gelingt, gehofft, dass eine schwierige Zeit bald vorbei ist. Wenn Hoffnungen zerbrechen, fühlt sich das Leben manchmal wie ein langer Weg an. Ein Weg voller Fragen, auf den wir keine klare Antwort finden.

Doch genau auf diesem Weg geschieht das Entscheidende: Jesus geht mit. Er kommt nicht erst am Ziel dazu. Er wartet nicht irgendwo in der Zukunft. Er geht mit – mitten durch die Enttäuschung, mitten durch die Fragen. Und er tut etwas sehr Menschliches: Er hört zu. Das ist wirkliche Begegnung. Er lässt die Jünger erzählen. Er nimmt ihre Enttäuschung ernst. Erst danach beginnt er, ihnen die Schrift auszulegen. Schritt für Schritt hilft er ihnen, das Geschehen neu zu verstehen. Später sagen die Jünger: „Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete?“ Noch erkennen sie ihn nicht – aber ihr Herz beginnt zu brennen. Vielleicht kennen wir auch solche Momente. Momente, in denen ein Wort uns berührt; eine Geste; ein Gespräch, das uns Hoffnung gibt. Eine Begegnung, die uns plötzlich neuen Sinn schenkt. Manchmal merken wir erst im Nachhinein: Da ist Gott uns nahe gewesen. Am Abend erreichen die Jünger ihr Ziel. Der Fremde tut so, als wolle er weitergehen. Doch sie laden ihn ein: „Bleibe bei uns; denn es wird Abend.“ Es ist eine einfache Bitte. Aber sie verändert alles. Jesus tritt ein. Sie setzen sich gemeinsam an den Tisch. Jesus nimmt das Brot, spricht den Segen, bricht es und gibt es ihnen. Und in diesem Moment gehen ihnen die Augen auf. Sie erkennen ihn. Der Auferstandene war die ganze Zeit bei ihnen gewesen – auf ihrem Weg, in ihrem Gespräch, in ihrem Zweifel. Und plötzlich verstehen sie: Ostern bedeutet nicht nur, dass das Grab leer ist. Ostern bedeutet, dass Christus lebt und mit uns unterwegs ist auf unserem Weg.  „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ (3)

Die Emmausgeschichte ist deshalb so wichtig, weil sie diese Begegnung zeigt, die Leben schenkt, und vor allem wie der Auferstandene den Menschen begegnet. Nicht spektakulär. Nicht überwältigend, sondern auf dem Weg des Lebens. – im Gespräch, im Hören auf die Schrift und im Brechen des Brotes, in Gemeinschaft. Darum ist auch jede Feier unseres Glaubens ein Stück Emmausweg. Wir kommen zusammen mit unseren Sorgen und Hoffnungen. Wir hören das Wort Gottes. Wir beten miteinander. Und manchmal geschieht etwas ganz still: Das Herz wird leichter, Hoffnung wächst neu. Vielleicht erkennen wir erst später, dass Christus selbst uns begleitet hat.

Am Ende der Geschichte geschieht noch etwas Entscheidendes: Die beiden Jünger bleiben nicht in Emmaus. Obwohl es schon Abend ist, machen sie sich sofort wieder auf den Weg zurück nach Jerusalem. Der Weg ist derselbe wie vorher – aber sie sind nicht mehr dieselben Menschen. Aus Enttäuschten sind Zeugen geworden.

Und hier schließt sich der Kreis zur ersten Lesung aus der Apostelgeschichte: Petrus und die anderen Jünger haben genau diese Erfahrung gemacht. Sie sind dem auferstandenen Christus begegnet. Und deshalb können sie voller Mut sagen: Gott hat Jesus von den Toten auferweckt. Unser Glaube, der Glaube der Kirche, beginnt genau mit solchen Erfahrungen. Mit Menschen, die sagen: Wir sind ihm begegnet. Er lebt. Auch wir sind Menschen auf dem Weg. Unser Weg ist manchmal leicht und manchmal schwer. Es gibt Tage voller Vertrauen und Tage voller Fragen. Doch die Botschaft von Ostern lautet: Wir gehen diesen Weg nicht allein. Der Auferstandene geht mit uns. Er geht mit uns durch unsere Freude und unsere Sorgen, durch alle Zweifel und Fragen. Er geht mit uns durch helle Tage und dunkle Zeiten. Und vielleicht geschieht auch auf unseren Wegen immer wieder ein Emmaus-Moment: ein Wort, das uns berührt, eine Begegnung, die uns Hoffnung schenkt, ein Augenblick, in dem wir spüren: Gott ist da. Auch auf unserem Weg, auf dem Weg zum Leben.

Bitten wir Gott, dass er dafür unsere Herzen öffne, dass wir ihm auf dem Weg begegnen, sein Wort hören, Gemeinschaft mit ihm erfahren – im Teilen des Brotes und indem wir selbst zum geteilten Brot werden, das andere satt macht und in dem sie ihn erkennen können. Und bitten wir ihn um den Mut der ersten Jünger – damit auch wir Zeugnis geben können von der Hoffnung, die uns trägt!

(Predigt in der Hl. Messe zum 3. Sonntag der Osterzeit, 19.4.2026, in Maria Gnaden, Berlin-Hermsdorf, und St. Nikolaus, Berlin-Wittenau)

Anmerkungen:

(1): Vgl. Heiner Wilmer SCJ: Ansprache nach der Ernennung zum Bischof von Münster am 26.3.2026, St.-Paulus-Dom, Münster (zitiert nach: https://youtu.be/GbAwQMf0dD0?si=hr7GJQcMrKGizZAV)

(2): Hans Zollner SJ: Eine Begegnung, die verändert. In: Jesuitische Nachbarschaftshilfe vom 18.4.2026, zitiert nach: https://185020.seu2.cleverreach.com/m/17024304/633259-5dab38ddfe208da05be19ba13a189e59278a29dc40eba468cbb752269fdc62cad16672d8e788c35ee5f86298786cdab2

(3) Martin Buber: Ich und Du, Stuttgart, 2005, S. 12.

Vgl. zum Ganzen auch: Hans Kessler, Auferstehung? Der Weg Jesu, das Kreuz und der Osterglaube. Mainz, 2021, S. 90f..

Bild: Janet Brooks Gerloff: Unterwegs nach Emmaus, Copyright: Abtei Kornelimünster (vgl. https://abtei-kornelimuenster.de/spirituelles/bilder-brooks-gerloff.html?view=article&id=81:brooks-gerloff-unterwegs-nach-emmaus&catid=48).

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