Emmaus – Der Weg zum Leben

Evangelium

Der Ostermontag wirkt auf den ersten Blick wie ein ruhiger Tag. Der große Jubel des Ostersonntags liegt hinter uns. Die feierlichen Gottesdienste, die Osterkerzen, die vielen „Halleluja“ – all das klingt noch nach.

Aber der Ostermontag zeigt uns: Ostern ist nicht nur ein Festtag. Ostern ist ein Weg. Von diesem Weg hören wir heute im Evangelium: Da sind diese zwei Menschen unterwegs. Sie gehen von Jerusalem nach Emmaus, verunsichert, enttäuscht, ratlos. Sie wissen nicht mehr, wie es weitergeht. Was sie geglaubt haben, scheint zerbrochen. Was sie getragen hat, ist ihnen entglitten. Und mitten in diese Bewegung hinein tritt einer. Er geht mit. Er hört zu, er fragt nach, er deutet ihr Leben. Sie erkennen ihn nicht und doch geschieht etwas. Am Ende sagen sie: „Brannte nicht unser Herz, als wir unterwegs waren und er zu uns sprach?“

Ist das nicht eine Geschichte gerade für unsere Zeit? Auch wir sind doch unterwegs, auch wir suchen, auch wir fragen, was trägt, was bleibt, was Sinn gibt. Vielleicht ist das der Weg der Kirche heute. Aufsuchen, zuhören, verstehen und dann gemeinsam vorangehen. Nicht alles wissen, nicht alles erklären können, aber unterwegs sein und darauf vertrauen. Gott begegnet uns oft unerkannt, oft leise, aber immer wirklich“ (1).

Die zwei Jünger auf dem Weg nach Emmaus sind nicht mutig, nicht voller Osterfreude, sondern traurig und enttäuscht. Sie verlassen Jerusalem entsetzt und frustriert über die Hinrichtung Jesu. Für sie scheint alles vorbei zu sein. Für sie ist immer noch Karsamstag.

Aber Ostern verändert alles. Denn mitten auf diesem Weg geschieht etwas Überraschendes: Ein Fremder kommt dazu und geht mit ihnen. Wir wissen als Zuhörer sofort, wer dieser Fremde ist. Es ist der auferstandene Jesus. Aber die beiden Jünger erkennen ihn nicht. Das ist ein bemerkenswertes Detail. Diese Menschen haben Jesus gekannt. Sie haben ihn gehört. Sie haben ihm vertraut. Und doch erkennen sie ihn nicht, als er neben ihnen geht. Vielleicht liegt das daran, dass ihre Herzen voller Trauer sind. Wer traurig ist, sieht oft nur noch das, was verloren gegangen ist.

Die Jünger erzählen dem Fremden ihre ganze Geschichte. Und dann fällt dieser eine Satz, der so viel Enttäuschung enthält: „Wir aber hatten gehofft …?“ Dieser Satz könnte auch aus unserem Leben stammen. Wie viele Menschen sagen: Wir hatten gehofft, dass eine Krankheit heilbar ist; wir hatten gehofft, dass eine Beziehung hält; wir hatten gehofft, dass ein Plan gelingt; wir hatten gehofft, dass eine schwierige Zeit bald vorbei ist.

Wenn Hoffnungen zerbrechen, fühlt sich das Leben manchmal wie ein langer Weg an. Ein Weg voller Fragen, auf den wir keine klare Antwort finden.

Doch genau auf diesem Weg geschieht das Entscheidende: Jesus geht mit.

Er kommt nicht erst am Ziel dazu. Er wartet nicht irgendwo in der Zukunft. Er geht mit – mitten durch die Enttäuschung, mitten durch die Fragen. Und er tut etwas sehr Menschliches: Er hört zu. Das ist wirkliche Begegnung. Er lässt die Jünger erzählen. Er nimmt ihre Enttäuschung ernst. Erst danach beginnt er, ihnen die Schrift auszulegen. Schritt für Schritt hilft er ihnen, das Geschehen neu zu verstehen. Später sagen die Jünger: „Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete?“ Noch erkennen sie ihn nicht – aber ihr Herz beginnt zu brennen. Vielleicht kennen wir auch solche Momente. Momente, in denen ein Wort uns berührt; eine Geste; ein Gespräch, das uns Hoffnung gibt. Eine Begegnung, die uns plötzlich neuen Sinn schenkt. Manchmal merken wir erst im Nachhinein: Da ist Gott uns nahe gewesen.

Am Abend erreichen die Jünger ihr Ziel. Der Fremde tut so, als wolle er weitergehen. Doch sie laden ihn ein: „Bleibe bei uns; denn es wird Abend.“ Es ist eine einfache Bitte. Aber sie verändert alles. Jesus tritt ein. Sie setzen sich gemeinsam an den Tisch. Jesus nimmt das Brot, spricht den Segen, bricht es und gibt es ihnen. Und in diesem Moment gehen ihnen die Augen auf. Sie erkennen ihn. Der Auferstandene war die ganze Zeit bei ihnen gewesen – auf ihrem Weg, in ihrem Gespräch, in ihrem Zweifel. Und plötzlich verstehen sie: Ostern bedeutet nicht nur, dass das Grab leer ist. Ostern bedeutet, dass Christus lebt und mit uns unterwegs ist auf unserem Weg.

 „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“ (Martin Buber: Ich und Du, 2005, S. 12.) Die Emmausgeschichte ist deshalb so wichtig, weil sie diese Begegnung zeigt, die Leben schenkt, und wie der Auferstandene den Menschen begegnet. Nicht spektakulär. Nicht überwältigend. Sondern auf dem Weg des Lebens. Im Gespräch. Im Hören auf die Schrift. Und im Brechen des Brotes. In Gemeinschaft.

Darum ist auch jede Feier unseres Glaubens ein Stück Emmausweg. Wir kommen zusammen mit unseren Sorgen und Hoffnungen. Wir hören das Wort Gottes. Wir beten miteinander. Und manchmal geschieht etwas ganz still: Das Herz wird leichter, Hoffnung wächst neu. Vielleicht erkennen wir erst später, dass Christus selbst uns begleitet hat.

Am Ende der Geschichte geschieht noch etwas Entscheidendes: Die beiden Jünger bleiben nicht in Emmaus. Obwohl es schon Abend ist, machen sie sich sofort wieder auf den Weg zurück nach Jerusalem. Der Weg ist derselbe wie vorher – aber sie sind nicht mehr dieselben Menschen. Aus Enttäuschten sind Zeugen geworden. Hier schließt sich der Kreis zur ersten Lesung aus der Apostelgeschichte. Petrus und die anderen Jünger haben genau diese Erfahrung gemacht. Sie sind dem auferstandenen Christus begegnet. Und deshalb können sie voller Mut sagen: Gott hat Jesus von den Toten auferweckt. Unser Glaube, der Glaube der Kirche, beginnt genau mit solchen Erfahrungen. Mit Menschen, die sagen: Wir sind ihm begegnet. Er lebt.

Auch wir sind Menschen auf dem Weg. Unser Weg ist manchmal leicht und manchmal schwer. Es gibt Tage voller Vertrauen und Tage voller Fragen. Doch die Botschaft von Ostern lautet: Wir gehen diesen Weg nicht allein. Der Auferstandene geht mit uns. Er geht mit uns durch unsere Freude und unsere Sorgen, durch alle Zweifel und Fragen. Er geht mit uns durch helle Tage und dunkle Zeiten.

Und vielleicht geschieht auch auf unseren Wegen immer wieder ein Emmaus-Moment: ein Wort, das uns berührt, eine Begegnung, die uns Hoffnung schenkt, ein Augenblick, in dem wir spüren: Gott ist da. Auch auf unserem Weg.

Darum geht es an Ostern: Um den Weg zum Leben. Bitten wir Gott, dass er dafür unsere Herzen öffnen! Dass wir ihm auf dem Weg begegnen, sein Wort hören! Und bitten wir ihn um den Mut der ersten Jünger – damit auch wir Zeugnis geben können von der Hoffnung, die uns trägt!

(1): Vgl. Heiner Wilmer SCJ: Ansprache nach der Ernennung zum Bischof von Münster am 26.3.2026, St.-Paulus-Dom, Münster (zitiert nach: https://youtu.be/GbAwQMf0dD0?si=hr7GJQcMrKGizZAV)

Predigt in der Wort-Gottes Feier zum Ostermontag, 6.4.2026, in St. Judas Thaddäus, Hohen Neuendorf, und der Hl. Messe in St. Hildegard, Berlin-Frohnau

Bild: Rembrandt van Rijn, Emmaus-Mahl, Louvre, Paris, 1648. Gemeinfrei vgl. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rembrandt_The_Supper_at_Emmaus.jpg

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