Prüft alles und behaltet das Gute!

Prüft alles und behaltet das Gute!

Diese Worte aus dem 1. Thessalonicher-Brief wurden von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen als Jahreslosung 2025 ausgewählt. Sie gehören zu den ältesten des Neuen Testaments. Schon von da her sind sie nah dran an dem, was Jesus tat.

Wenn wir am Ende dieses Jahres tief in uns hinein hören – in unsere Gedanken und Erinnerungen, in unsere Gefühle und Erfahrungen, dann meldet sich vielleicht so manches Gute, das uns dieses Jahr gebracht hat und das wir behalten mögen.

Denn wie viel Gutes erleben wir Jahr für Jahr, Tag für Tag? Ein liebes Wort, eine zärtliche Geste, Menschen, die uns helfen oder die einfach da sind. Und dann erst, dass wir ein Dach über dem Kopf haben, Kleidung, Lebensmittel; all diese vermeintlichen Selbstverständlichkeiten, die wir fast nicht wahrnehmen. All das Gute, das uns geschenkt ist; oder das wir selbst anderen in diesem Jahr geschenkt haben. Wer weiß das schon?

Aber es bleibt auch Vieles, von dem wir wollten, es sei lieber nicht passiert: Unfriede, Leid, Krankheit, Tod – hier bei uns und überall in der Welt.

„Good news is bad news“, sagt man. Nur das Schlechte hat Nachrichtenwert. Davon leben die Medien. Das Gute schafft es oft nicht mal über die Wahrnehmungsschwelle – auch bei uns selbst.

Wenn uns Paulus hier einschärft, alles, was uns begegnet, zu prüfen und am Guten festzuhalten, dann klingt das, wenn wir ehrlich sind, ein bisschen nach Kalenderspruch.

Es ist eingebettet in die Regeln, die er der jungen christlichen Gemeinde in Thessaloniki gibt: „Haltet Frieden untereinander! …, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig mit jedermann! Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach, füreinander und für jedermann! Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen! Meidet das Böse in jeder Gestalt, [und eben:] Prüft alles und behaltet das Gute.“ (1 Thess 5, 14-22)

Fundamentale Lebens- und vor allem Gemeinschaftsregeln, zentrale ethische Imperative, damit Zusammenleben überhaupt gelingt. Das gilt nicht nur für christliche Gemeinden, aber für die ganz besonders.

Wir leben in wirren Zeiten: Schlechtes wird für gut ausgegeben, Lüge für Wahrheit, Fake ist in Mode; Maßstäbe, die früher selbstverständlich galten, werden – nonchalant – aufgegeben. Das spürten wir nicht nur in den politischen Ereignissen dieses Jahres.

Und da sollen wir Christinnen und Christen uns an diese simplen Regeln des Paulus halten?

Alles prüfen! Das meint doch: Offen zu sein für das, was uns begegnet, und bewusst hinschauen; die Beurteilung nicht den anderen zuzuschieben und nicht zu sagen: Was geht’s mich an? Selbst zu prüfen, was gut ist und dem Leben dient, was ermutigt und was aus der Macht der Angst befreit.

Also zu prüfen, ob es dem entspricht, was Jesus von uns will, seiner Botschaft der Liebe, seinem Evangelium, und dann zu entscheiden: Daran will ich mich festhalten bei all meinen Schwächen: das will ich für mich und für alle.

Klingt simpel? Es geht noch simpler:

Christus hat uns nur ein Gebot gegeben: „Liebt einander!“ (Joh 15,17)

Liebe ist ein großes Wort! Wie oft wird es achtlos dahingesagt oder missbraucht? Was wird nicht alles Liebe genannt? Selbst Erich Mielke, der Stasi-Chef, der so viele Menschen auf dem Gewissen hat, hat am Ende gesagt: „Aber ich liebe doch alle, alle Menschen.“ Wo wird nicht von Liebe geredet, wo es doch eigentlich um Selbstsucht und Egoismus geht? Und wie oft erleben wir es, dass gerade solche, die sich Christen nennen, über andere herziehen, sie schlecht reden und fertig machen?

Aber Liebe nicht nur ein Wort. Wirkliche Liebe ist immer Tat; ganz unsentimental, ohne große Worte, das, was wir an Liebevollem für die anderen tun oder nicht.

Wir können noch so fromm daherreden, das ewige Licht vor Augen und den Goldglanz der Altäre vor unserem Angesicht, auf den Knien und verzückt im Gebet, das hilft alles gar nichts, wenn wir unsere Mitmenschen unleidlich, lieblos (und auch rachsüchtig) behandeln, denn die Gottesliebe beweist sich und bewahrheitet sich und bewährt sich in der Liebe zum Nächsten.“ (Johannes zu Eltz, Geistlicher Impuls, 29.12.2025)

Jesus hat niemanden fertig gemacht. Er wollte Menschen aufbauen, sie stärken und befreien aus der Macht der Angst, aus der Angst um sich selbst. „Erlösen“ nennen wir das in der kirchlichen Sprache. Das will er. Nicht klein machen, nicht unfrei und beladen mit Schulgefühlen will er uns. Wer das tut (auch und gerade in den Kirchen), der kann sich niemals auf Christus berufen.

Christlich kann sich nur nennen, was aufbaut und ermutigt, was dem Leben (der Fülle des Lebens) dient, was Zärtlichkeit und Barmherzigkeit mit sich bringt, wie Papst Franziskus immer sagte, und nicht, was all das abbricht und klein macht.

Christ zu sein bedeutet gerade nicht, an ein System von Geboten und Verboten zu glauben, sondern an diesen Einen, der Mensch geworden ist, damit wir die Fülle des Lebens haben und spüren können:

Auch ich, selbst ich in all meinen Zweifeln, meinem Versagen, meiner Unsicherheit und Dunkelheit, auch ich bin Gottes geliebtes Kind; bin einer, dem Christus ein Freund sein will.

Christus will nichts anderes als unser Freund sein, uns halten und stärken. Christus überwältigt uns niemals. Und der Glaube an ihn ist keine Ideologie, der wir uns unterwerfen müssten.

Christ zu sein bedeutet zu spüren, dass ich nicht allein bin; dass Jesus wirklich da ist und mir die Hand auf die Schulter legt; mich trägt und ermutigt. Und mir deutlich sagt, wo ich nur an mich selbst denke.

Dieser Glaube an die menschgewordene Liebe, die wir an Weihnachten feiern, will Hoffnung und Ermutigung geben. Nicht allein Optimismus nach dem Motto: „Es wird schon alles gut gehen“. Nein! Wirkliche Hoffnung, „dass diese Welt zur Welt Gottes wird …“ (Leo XIV., Jubiläumsaudienz, 20.12.2025)

So wie Alfred Delp schrieb – noch im Gefängnis in Tegel in den letzten Kriegstagen; auf seine Hinrichtung durch die Nazis wartend:

Lasst uns dem Leben trauen, weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern [weil] Gott es mit uns lebt.“ (Delp, GS, IV, 198)

Das wünsche ich uns nicht nur an diesem Abend. In diesem Glauben, in dieser Hoffnung alles, was uns begegnet, aufmerksam anzuschauen; es bewusst zu prüfen und zu entscheiden: Ja, das lässt mich freier werden; das lässt mich aufatmen und gut sein, lebendig sein, so dass wir immer wieder seine Gegenwart spüren können.

Christus ist da, er will unsere Herzen hell machen. Nichts sonst! In diesem Jahr, im nächsten, immer.

(Predigt im Ökumenischen Gottesdienst zum Altjahrsabend, 31.12.2025, Apostel-Paulus-Kirche, Berlin-Hermsdorf)

Bild: privat

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