
Alle Menschen haben Erfahrungen mit Familie. Der heutige Sonntag entfaltet also ein Thema, bei dem alle – wirklich alle – mitreden können. Auch wenn die individuellen Erfahrungen unter uns vielleicht ganz unterschiedlich sind.
Wir alle werden geboren; und die allermeisten in eine Familie hinein, so wie Jesus hier, auch wenn das Kind, Maria und Josef an keiner Stelle im Neuen Testament „Familie“ genannt werden. Familie ist im besten Fall der Himmel auf Erden – und im schlimmsten kann sie die Hölle sein.
Brauchen wir darum ein Fest der Heiligen Familie?
Das Fest ist sehr jung. Erst Ende des 19. Jahrhunderts (unter Papst Leo XIII.) wurde es für die gesamte Kirche eingeführt. Und zwar damals schon aus Sorge um den Erhalt eines christlichen Familienverständnisses auf dem Hintergrund der gesellschaftlichen Veränderungen des Industriezeitalters.
Und heute erleben wir noch viel mehr, dass die klassische Familie immer mehr die Rolle des verbindlichen Vorbilds verliert. Worin aber besteht dann das »leuchtende Vorbild« der Heiligen Familie? – auch heute noch?
Alle Menschen haben Erfahrungen mit Familie. Manche haben die schönsten Erinnerungen; für manche ist „Familie“ fast ein Schimpfwort, weil das, was sie (mit Familie) erlebt haben, so schlimm war.
Die Lesungen spiegeln notwendigerweise das patriarchalische Familienmuster ihrer Zeit wider und die Ethik der Unterordnung in der biblischen Kultur. Aber wir sollten immer unterscheiden zwischen dem Kern der christlichen Ethik und dem, was sie an Zeitgebundenem umgibt. Die Texte sind immer von Zeit und Kultur geprägt und dürfen nicht einfach nur wörtlich genommen werden. Das ist nicht unbedingt Teil der göttlichen Botschaft. Doch die Botschaft über das Leben als Familien an sich, die ist zeitlos.
Denn auch, wenn wir heute vielfach einen Zerfall von traditionellen Familien beobachten (und auch beklagen können). Für die allermeisten Menschen bleibt der Wert der Familie; das, was eine Familie zu etwas Gutem macht; etwas Wertvollem, auf alle Fälle eine Sehnsucht.
Denn wir alle sehnen uns nach Gemeinschaft. Niemand kann ganz für sich allein Leben; und ein Kind schon gar nicht. Es gab in der Geschichte immer wieder unethische Versuche, Neugeborene und Kleinkinder zwar zu ernähren und zu pflegen, aber sie sonst allein zu lassen; sie nicht anzusprechen; nicht mit ihnen zu kommunizieren. Also ihr Überleben zu sichern, aber eben keine Geborgenheit und Zuwendung zu schenken. Das Ergebnis war, dass diese Kinder entweder früh gestorben sind oder unter dem sog. Kaspar-Hauser-Syndrom litten, also völlig zurückgeblieben und sozial wie emotional verwahrlost waren.
Wir Menschen brauchen Zuwendung. Wir kommen eigentlich viel zu früh auf die Welt; sind gar nicht überlebensfähig, ohne dass sich jemand um uns kümmert. Und das gilt unser ganzes Leben lang. Niemand kann völlig allein durchs Leben gehen; wir alle brauchen Zuwendung.
Und das macht eine Familie aus: Zuwendung, Schutz, Geborgenheit – im besten Fall. Über das bloße Überleben -und auch über die Wohlstandsverwahrlosung hinaus. Wir brauchen Zuwendung. Jemand, der uns die Hand hält, der uns besteht und ermutigt – und vor allem: der uns Hoffnung schenkt.
Die Verhaltenswisssenschaften nennen das das Stillen von Grundbedürfnissen: Bindung, Nähe, Zugehörigkeit, Orientierung, Selbstwerterhöhung, Anerkennung, Kompetenz, aber auch Schmerzvermeidung und Schutz, damit wir als Menschen überhaupt zu einem selbstbestimmten Leben finden können.
Familien sollen solche Orte der Hoffnung sein. Und sie sind es in so vielen Fällen auch. Bei der „Flucht nach Ägypten“ geht es nicht um ein bloßes historisches Datum im Leben des kleinen Jesus. Sondern darum, dass Maria und Josef dieses Kind schützen; für es sorgen; es groß werden lassen; oder wie das Sprichwort so schön sagt: ihm „Wurzeln geben und Flügel“, die erst das eigene Leben ermöglichen.
Dass die heilige Familie auch für uns ein Vorbild sein kann, das erweist sich darin, dass sie der Ort der Hoffnung ist. Dass diese drei Menschen, Maria, Josef und das Kind, wie wir alle, ein gemeinsames Schicksal teilen. Aber klar ist von Anfang an, dass dieses Kind das Wort Gottes ist und sein Lebenswerk und damit das Heilswerk Gottes in dieser Welt immer den Vorrang hat – für diese drei.
Das Kind Jesus wuchs zwischen Maria und Josef in einer religiösen Atmosphäre auf, in der sein Glaube reifen konnte: Gott ist mein Vater (vgl. Lk 2,49) wird der zwölfjährige Jesus dann sagen. In dieser Familie werden alle Entscheidungen ihres Lebenswegs in hörender Offenheit für Gott getroffen – das macht sie heilig und vorbildlich.
Durch dieses Kind – wir haben es an Weihnachten gehört – erscheint Gottes Liebe in der Welt. Jesus zeigt uns Gott genauso, wie er ist. Und er stellt an uns dann den Anspruch, diese Liebe Gottes in unser Herz zu lassen und sie als sein Wort zu den Menschen zu tragen – damit für alle Menschen Weihnacht wird; die Dunkelheit und Verzweiflung erhellt wird; Hoffnung ein Gesicht bekommt, so wie es Mutter Theresa von Kalkutta einmal gesagt hat: „Jedes Mal, wenn wir Gott durch uns hindurch andere Menschen lieben lassen, ist Weihnachten.“
Denn die Hoffnung, die Rettung, die Güte und Liebe Gottes ist Mensch geworden in diesem einen Kind.
(Predigt in der Wort-Gottes-Feier zum Fest der Heiligen Familie, 27.12.2025, in St. Hildegard, Berlin-Frohnau.)
Bild: Kiko Argüello, Ikone der Rückkehr der Heiligen Familie nach Nazareth (1997); Foto: privat