
Unser Weg auf Weihnachten zu geht weiter; der Hoffnungsweg Jesu, auf dem wir mitgehen wollen. Pilger der Hoffnung wollen wir sein. Nicht nur in diesem Jubiläumsjahr; nicht nur in dieser Advents- und Weihnachtszeit, sondern so, dass es unser Leben trägt; dass wir es ausstrahlen und andere sehen: Ja, die da, die sind von Hoffnung getragen.
Wieder wollen wir hier eine Zeit im Gebet sein, der Musik lauschen, sie meditieren, Worte der Schrift hören und Worte von Menschen, die Hoffnung schenken können in dieser dunklen Zeit.
Lasst uns beten: Wir preisen Dich, Herr unser Gott, Schöpfer der Welt! Du kommst uns entgegen in Jesus Christus, unserem Bruder und Herrn. Du bist es, der den ersten Schritt macht. Wir bitten Dich, umarme uns mit deiner Güte und trage uns auf den Flügeln deiner Liebe, damit unsere Hoffnung auf dein Reich, das schon durch ihn unter uns angebrochen ist, gerade jetzt im Trubel und den Sorgen dieser Zeit nicht verloren geht, durch Christus, unseren Herrn.
Hören wir den Anfang des Johannes-Evangeliums:
Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott
und das Wort war Gott.
Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden
und ohne es wurde nichts, was geworden ist.
In ihm war Leben und
das Leben war das Licht der Menschen.
Und das Licht leuchtet in der Finsternis
und die Finsternis hat es nicht erfasst. …
Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt
und wir haben seine Herrlichkeit geschaut,
die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater,
voll Gnade und Wahrheit.
Warum eigentlich die Weih-Nacht; warum nicht der Weihe-Tag z.B.? (1)
Wir Menschen entspringen der Dunkelheit; neun Monate leben wir darin, bis wir das Licht der Welt erblicken, wie es heißt. Auch die Welt entspringt der Dunkelheit, vor ihr, außerhalb ihrer ist es dunkel.
Dunkelheit ängstigt uns. Mit vielen Gedanken verbinden wir das Dunkel der Nacht. Und doch ist es gerade die Nacht, die uns den Menschensohn, den Retter, den Heiland gebracht hat. Die Heilige Nacht nennen wir sie.
Das alles lässt sich religionswissenschaftlich erklären. Die Wintersonnenwende; die wieder länger werdenden Tag (ab heute), die Feste antiker Sonnengötter. All das mag eine Rolle gespielt haben, dafür, dass wir NUN diese Weih-Nacht feiern.
Der Glaube aber sieht tiefer in unser Menschsein. Denn wann Jesus nun historisch genau geboren ist, und ob es in Bethlehem war oder in Nazareth oder wo auch immer, das mag wissenschaftlich interessant sein.
Für unser Leben, für unser Menschsein entscheidend ist anderes:
Entscheidend ist die Dunkelheit, in die hinein er Mensch wurde; die Armut, in die hinein Licht gebracht hat; die Verlassenheit, in die hinein er seine Liebe zugesagt hat; und vor allem: die Verletzlichkeit; VERWUNDBARKEIT, in der er ein hilfloses Kind geworden ist.
Die vielen Bilder, mit denen das Lukas-Evangelium die Geburtsszene in Bethlehem ausstaffiert, sind keineswegs nur idyllisch und romantisch, so wie unsere Krippen manchmal erscheinen. Diese Bilder vom Stall, den Hirten, dem Feld, den Schmutz, der Armut, sie stehen für uns Menschen, in unserer ganzen Armseligkeit und Angst.
Und genau in diese Dunkelheit kommt das Leben; kommt ER, das Licht der Welt, ER, die die Hoffnung bringt, dass Gott, diese Welt nicht verlassen hat; dass Gott auch in die niedrigste Niedrigkeit unseres Daseins hinein sein Licht, seine Liebe, hineinstrahlen lassen will, Mensch werden lässt; damit wir Menschen werden.
Und dann hören wir im Prolog des Johannes-Evangeliums dies mächtigen, bedeutungsschweren, theologisch aufgeladen Worte: „Im Anfang war das Wort … und das Wort war Gott … und das Wort ist Fleisch geworden.“
Auch dies kann wissenschaftlich leicht erklärt werden: Johannes verbindet die neu-platonische Philosophie des Hellenismus, wie diese Welt geworden ist, mit dem jüdisch-christlichen Messias-Glauben. Das alles ist richtig.
Erklären kann man alles; aber haben wir es dadurch schon verstanden?
Ludwig Wittgenstein schrieb einmal: „Wir fühlen, dass selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“ (Tractatus 6;52)
Das, wovon wir in der Weih-Nacht erzählen, genau DAS berührt unsere tiefsten Lebensprobleme, unser Menschsein. Die Dunkelheit dieser Welt wird Licht durch den einen, der als verletzliches Kind, in Armut und Verlassenheit, diese Welt zu Gottes Welt macht. Und alle unsere Dunkelheiten können wir diesem Kind anvertrauen, dessen Liebe bis zum Kreuz gegangen ist, der seine Hingabe an uns Menschen nicht davon abhängig macht, wie anständig wir sind, wir rein, wie klug und fromm, und schon gar nicht wie viel Geld wir haben.
Gott wird Mensch, damit wir Menschen werden. Damit wir ihn verstehen können und spüren: Er sieht uns, er kennt uns, er hat ein Herz für uns und diese ganze Welt.
Weihnachten zeigt uns, dass dieser Gott, den uns Jesus das zeigt und dessen Wort er ist, dass der kein Gott der Nationalisten, kein exklusiver Gott der Starken und Mächtigen, kein Gott der Reichen und des Erfolgs ist, so wie uns heute manche, die sich christlich nennen, weis machen wollen. Gott kommt in diesem Kind in die Niedrigkeit, in den Schmutz, in die Armut, die uns allen zu eigen ist, auch wenn wir denken: Nee, ich bin besser als die anderen. Ich weiß es besser, ich bin frommer und kirchentreuer.
Gestern hat Papst Leo bei seiner Weihnachtsansprache in Rom Dietrich Bonhoeffer zitiert. Der schrieb, als er über das Geheimnis von Weihnachten nachdachte: »Gott schämt sich der Niedrigkeit des Menschen nicht, er geht mitten hinein […]. Gott […] liebt das Verlorene, das Unbeachtete, Unansehnliche, das Ausgestoßene, das Schwache und Zerbrochene« (DBW 13, 339f). „Möge der Herr uns seine Nachsicht, sein Mitgefühl und seine Liebe schenken, auf dass wir jeden Tag seine Jünger und Zeugen sein können!“ (Papst Leo XIV., 22.12.2025)
Zum Abschluss möchte ich Ihnen ein Gedicht aus dem Barock vortragen; es stammt von Simon Dach; er war Ostpreuße und lebte während des 30jährigen Krieges in Königsberg, war dort Professor für Dichtkunst und starb dort mit nur 54 Jahren. Das Gedicht trägt – nach Jesaja – den Titel: „Das Volk, das im Finstern wandelt, siehet ein großes Licht.“:
Die wir in Todes Schatten So lang gesessen sind
Und kein Erleuchtung hatten, In Gottes Sachen blind,
Und kunnten nichts verstehen, Nicht Gnade noch Gericht,
Sehn über uns aufgehen Anjetzt ein großes Licht;
Ein Licht, dadurch wir schauen In Gottes Herz hinein,
Dass er in Zuvertrauen Der Unsere nun will sein;
Ein Licht, das heftig brennet In unser Fleisch und Blut,
Daß sich ein Mensch erkennet, Und was für Sünd er tut;
Ein Licht, das plötzlich fähret Tief in der Gräber Nacht
Und uns den Tod erkläret Mit aller seiner Macht,
Das uns die Hölle zeiget Und was darinnen ist,
Da Satan sich eräuget Samt seiner ganzen List,
Das über Mond und Sonne Sich in den Himmel dringt
Und uns der Engel Wonne Klar zu Gesichte bringt,
Das uns vor Augen malet, Wie nichts sei Welt und Zeit
Und wie für alle strahlet Der Glanz der Ewigkeit.
Das Wünschen und Verlangen Der Väter allzumal,
Das ist uns aufgegangen In einem finstern Stall;
Das Kind ist uns geboren, Der Sohn ist uns geschenkt,
Durch den Gott Herz und Ohren Nun gnädig zu uns lenkt;
Durch den wir sind genesen Von unsrer großen Not,
Als die wir sind gewesen Viel tausendfältig tot;
Durch den wir sind entnommen Der Arbeit und Gefahr
Und zur Gemeinschaft kommen Der reinen Engel-Schar.
O Kindelein, du Pflanze Der wahren Seligkeit,
Du heller Glanz vom Glanze Gezeugt vor aller Zeit,
Du bist es, den wir meinen, Das wesentliche Licht,
Dadurch uns Gott lässt scheinen Sein Gnaden-Angesicht.
Was werd ich dir erzeigen für solcher Liebe Sinn?
Was hat ein Mensch wohl eigen, Das dein nicht sei vorhin
Du willst die Herzen haben; Das schenk ich, Heiland, dir
Für alle deine Gaben, Nichts Bessers ist bei mir.
Lass dir es, Herr, gefallen, Mach es zu deinem Saal,
Erleucht es dir für alle Durch deines Geistes Strahl;
Hilf mir den Richtsteig merken Zu meiner Seligkeit,
Und vor den finstern Werken Behüt mich allezeit.
Voraus, geh ich die Schatten Des Todes letzlich ein,
Komm mir, o Licht, zustatten Und leit mich Himmel-ein;
Wend Kleinmut, Furcht und Grausen Und lass mich deine Zier
Und alles dort anschauen, Was Hoffnung ist allhier. (2)
Hoffnung ist nicht nur Optimismus, nach dem Motto: Es wird schon alles gut gehen. „Hoffnung heißt sehen, dass diese Welt zur Welt Gottes wird; die Welt, in der Gott, die Menschen und alle Geschöpfe wieder gemeinsam in der Gartenstadt, dem neuen Jerusalem, wohnen.“ (Leo XIV., 20.12.2025).
So wollen wir die Hoffnung weitertragen und Pilger der Hoffnung sein, über diesen Advent, über dieses Kalenderjahr hinaus. Dazu begleite uns und alle, die in unseren Herzen sind, an diesem Abend und an diesem Weihnachtsfest, Gottes guter Segen.
(4. Geistlicher Abend im Advent am 23.12.2925 in Maria Gnaden, Berlin-Hermsdorf)
Anm. (1): Vgl. zum Ganzen: Gotthard Fuchs/Irene Leicht: Licht in der Nacht. Ostfildern: Patmos Verlag, 2024, 24.12.
(2): Überredung zu Weihnachten. Hg. v. Gerhard Rein. München: Ehrenwirth-Verlag, 1968, S. 48 ff..
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