
Wenn man an der Nordsee, aber inzwischen auch in Wien oder sonst wo, im Café einen „Pharisäer“ bestellt, bekommt man einen Kaffee mit Schlagsahne obendrauf, und in diesem Kaffee ist ordentlich Alkohol, meistens Rum. Und die Schlagsahne soll genau DAS verbergen. Ein Pharisäer ist also nicht das, was er zu sein scheint. Die Pharisäer haben einen ziemlich zweihaften Ruf. Schon bei Jesus. Sie gelten als fromm, akribisch gesetzestreu und, ja, auch selbstgerecht!
Das zeigt uns einmal mehr das heutige Evangelium. Wie schon letzten Sonntag (beim Gleichnis von der Witwe und dem ungerechten Richter) geht es auch heute ums Beten. Letzten Sonntag hörten wir, dass wir ohne Unterlass beten sollen und dass GEBET zu einer Haltung werden kann, also zu der Art, wie ich mein Leben führen kann und, wenn es nach Jesus geht, auch sollte.
Wir dürfen nicht vergessen: Jesus ist hier mit seinen Jüngern auf dem Weg nach Jerusalem; auf dem Weg zur ganzen, liebenden Hingabe seines Lebens, dem Weg zum Leiden – bis zu Tod am Kreuz. Aber auch dem Weg zur Auferstehung; zur Fülle des Lebens bei Gott; dem Weg der Befreiung aus der Macht der Angst um uns selbst. Und alles, was er seinen Jüngern auf diesem Weg sagt (also quasi das ganze Lukasevangelium), dient einzig dazu, die Jünger und auch uns mitzunehmen auf diesem Weg.
Und heute dazu also dieses Gleichnis von dem selbstgerechten Pharisäer und dem sündigen Zöllner. Beide gehen in den Tempel; beide beten. Der Zöllner traut sich nicht einmal, nach vorne zu gehen, weil er weiß, was er im Alltag alles anrichtet. Sein Gebet ist einfach: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“
Auch der Pharisäer betet. Er ist froh, dass er nicht so ist wie alle anderen, besonders wie dieser Zöllner. Und er hält sich viel zugute auf all das, was er an frommen Leistungen erbringt. In der Einheitsübersetzung steht hier, dass der Pharisäer „bei sich“ betet, in anderen Übersetzungen steht sogar nur, dass er „leise“ betet. Das klingt so nebensächlich und unbedeutend. Im Griechischen steht hier aber, der Pharisäer bete „prós heautón“, wörtlich: „Er betete diese Dinge zu sich selbst“. Nicht zu Gott betet er, allein zu sich selbst. Das ist der Unterschied zwischen den beiden.
Und deshalb erzählt Jesus davon denjenigen unter seinen Jüngern, die von sich selbst und der eigenen Gerechtigkeit so überzeugt sind und die anderen verachten. Der Pharisäer spricht allein zu sich selbst (pròs heautòn), und er bleibt allein bei sich selbst. Sein Monolog erwartet gar keine Antwort. Sein Verlangen nach Selbstdarstellung kommt auch in seinen Worten zum Ausdruck: „Ich bin nicht so wie die übrigen Menschen.“ Wer so etwas von sich sagt, lebt in dem Bewusstsein, alles richtig zu machen, ganz auf Seiten Gottes zu stehen. Es sieht so aus, als könne er diesen Anspruch nur dadurch aufrechterhalten, dass er sich von allen anderen Menschen distanziert und sie allesamt entwertet.
Im Unterschied dazu steht der Zöllner am hintersten Ende; er wagt kaum, seine Augen zum Himmel zu erheben, und bittet allein darum, dass Gott ihm, dem Sünder, Erbarmen zeigen möge.
Der Pharisäer macht den Fehler zu meinen, beten heiße, Gott zu erzählen, wie sich die Dinge verhalten, und ihm zu sagen, was er gefälligst tun sollte.
Beten heißt aber, Gott zu erlauben, mir seine Vision vom Leben und der Wirklichkeit mitzuteilen. Der Zöllner weiß um die eigenen leeren Hände. Deshalb hat er Gott auch nicht wirklich etwas an eigener Leistung anzubieten. Deshalb bleibt ihm auch nur das Flehgebet: „Sei mir gnädig„.
Das heutige Evangelium stellt uns alle vor die Frage: Was bedeutet „Gebet“ für mich? Was bedeutet Gott für mich? Welche Rolle spielt er in meinem Leben? Jesus hat ja nicht gesagt: Geht einmal in der Woche in die Kirche, betet eine Stunde, und gut ist.
Wann und wie bete ich? Und: Wie rede ich Gott in meinen Gebeten an? Halte ich mich nur an vorformulierte Texte oder wage ich das offensichtlich Schwerere, einfach zu sagen, wie mir zumute ist? Und: Kann ich offen sein, schweigen, bereit für das, was Gott mir sagen will, und erfahren, dass der enge Raum meines Herzens sich weitet und Begegnung geschieht? Ich glaube, Gott wartet darauf, dass wir still werden und unsere Armut begreifen.
Und dann stellt uns das heutige Evangelium vor die Frage nach der Selbstgerechtigkeit.
Ich glaube, das, woran unsere Welt und unser Miteinander heute am meisten krankt, ist Selbstgerechtigkeit. „Manche Menschen fühlen sich anderen moralisch [und auch geistig] überlegen … und blicken unbarmherzig auf die anderen herab, weil sie nicht so korrekt und diszipliniert sind wie sie selbst. Doch sie sind blind für die eigenen Widersprüchlichkeiten und können nicht mitfühlen mit den schwierigen Bedingungen und Umständen der anderen. Das Ergebnis dieser Entfremdung ist eine immer offener zu tretende Wut. Und die Gräben zwischen uns werden tiefer, weil die Verwundungen es auch sind. Das Einzige, was noch heilt ist Demut, Respekt füreinander und Mitgefühl mit der Mühsal der anderen. Begegnungen auf Augenhöhe, denn niemand ist perfekt und wir brauchen einander.“ (Fabian Ratschke SJ)
In Deutschland ist heute Weltmissionssonntag. Deshalb heute auch die Kollekte für Missio, das päpstliche Hilfswerk. Sein Motto dieses Jahr ist: Christus ist die Hoffnung. Diese Hoffnung lässt nie zu Grunde gehen. Das Wort „Mission“ hat bei uns heute einen eher zweifelhaften Ruf, weil wir – wie der Pharisäer – lange Zeit aus einem Gefühl der Überlegenheit heraus meinten, anderen den Glauben bringen zu können, den wir schon perfekt hätten.
Mission heißt aber nichts anderes als auf Gott zu vertrauen, auf die Hoffnung zu vertrauen, und aus dieser Haltung sein Leben zu führen, und sich in dieser Haltung gesandt zu wissen zu allen Mitmenschen.
Egal wie armselig ich mich auch fühle, wie leer meine Hände sind, die ich Gott anzubieten habe. Ich kann auf die Hoffnung vertrauen, die Jesus uns geschenkt hat. Er ist für alle da, ausnahmslos, und er schenkt die Hoffnung auf Gottes unendliche Barmherzigkeit und die Fülle des Lebens, zu der er uns einlädt.
Vgl. zum Ganzen: Brendan Byrne SJ: Die Gastfreundschaft Gottes. Eine Begegnung mit dem Lukasevangelium. Ostfildern: Grünewald-Verlag, 2025, S. 255ff. und Peter Köster SJ: Das Lukas-Evangelium. Orientierung am Weg Jesu. Eine geistliche Auslegung auf fachexegetischer Grundlage, St. Ottilien: Eos Verlag, 2004. S. 211f. sowie: Fabian Ratschke SJ: One Minute Homily vom 26.10.2025, zitiert nach: https://www.youtube.com/watch?v=HKw7eR1UCoc)
(Predigt in der Wort-Gottes-Feier zum 30. Sonntag im Jahreskreis C, 25./26.10.2025, in St. Hildegard, Berlin-Frohnau, und Maria Gnaden, Berlin-Hermsdorf)
Bild: Christusmonogramm, Santa Cecilia, Rom (Foto: privat)