Beten ohne Unterlass?

Evangelium

Wird der Herr noch Glauben auf der Erde finden, wenn er wiederkommt? Dieser letzte Satz des heutigen Evangeliums trifft genau unsere heutige Situation: Wir werden immer weniger. Hier in Berlin, in unserer Pfarrei und überall in der Kirche, hat man das Gefühl. Zumindest in Deutschland. Die Zahlen sprechen für sich.

Heute ist auch der Weltmissionssonntag weltweit, und jedes Jahr an diesem Tag veröffentlicht der Vatikan die neusten statistischen Zahlen: Danach steigt die Zahl der Katholiken weltweit an, vor allem in Afrika und Amerika, aber auch in Europa.

Dennoch: Hier bei uns werden wir weniger. Die Gründe dafür sind vielfältig. Ich muss sie hier nicht aufzählen. Aber es bleibt die Frage: Wir der Herr noch den Glauben finden, wenn er wiederkommt? Vor dieselbe Frage waren schon die urkirchlichen Gemeinden gestellt, denn auch wenn sie dachten, die Wiederkunft des Herrn stehe noch zu ihren Lebzeiten bevor, war es mit dem Glauben wohl auch damals nicht so weit her.

Jesus spricht hier im Lukasevangelium zu seinen Jüngern. Gemeinsam sind sie auf dem Weg nach Jerusalem. Jesus ist auf dem Weg zum Leiden, zum Tod am Kreuz. Aber auch dem Weg der Auferstehung und der Fülle des Lebens bei Gott.

Und alle Erzählungen auf diesem Weg dienen ja einzig dazu, die Jünger und uns mitzunehmen auf diesem Weg. Den Weg zum Ziel der Auferstehung. Den Weg zum Heil; den Weg zur Befreiung aus der Macht der Angst um uns selbst.

Deshalb fordert er die Jünger – und auch uns – auf, ohne Unterlass zu beten.

Und so steht es ja hier: Auch dieses merkwürdige Gleichnis der Witwe und dem ungerechten Richter dient nur dazu, den Jüngern und uns klarzumachen, nicht aufzuhören zu beten. Niemals!

Jetzt ist das mit dem Beten so eine Sache. Als ich meinen Führerschein machte – das ist jetzt schon 45 Jahre her –, da betete ich vorher: „Lieber Gott, lass mich bitte bestehen!“, und ich fiel durch. Da dachte ich: „Na ja, gib ihm noch eine Chance!“, und betete beim zweiten Versuch wieder, und ich fiel wieder durch.Anscheinend erhörte Gott mein Gebet nicht, oder aber: Er wusste einfach besser als ich, dass ich noch gar nicht reif war und noch lernen musste. Das tat ich, und dann bestand ich.

Hilft ein Gebet? Das ist eine völlig verständliche Frage. Wenn wir von BETEN sprechen, meinen ja in den allermeisten Fällen: das Bittgebet. Aber Gebet meint natürlich noch viel mehr.

Die Psalmen, das „Gebetbuch der Juden“, wie Dietrich Bonhoeffer es nannte, sind voll von Gebeten: Bittgebete, Dankgebete, Klagen, Schreie zu Gott, Verzweiflung, aber auch Lob, Jubel, Preis Gottes für seine Schöpfung, für seine Hilfe. Gebet ist mehr als nur meine Wünsche an Gott zu richten. Alle Gebete, die es gibt, finden wir dort. Und Jesus sagt uns: Lasst nicht nach! Betet zu jeder Zeit! Das Gebet ist der Ernstfall des Glaubens.

Am Gebet entscheidet sich unser Glaube. Daran entscheidet sich mein Vertrauen in den Gott, den uns Jesus zeigt, von dem er spricht, den er uns kund macht, dessen Wort er ist. Jesus sagt nicht: Geht einmal die Woche in eine Kirche, betet dort eine dreiviertel Stunde, und dann ist gut. Er sagt: Hört niemals auf zu beten! Wie diese Witwe hier, ohne Unterlass, immer wieder beten, so dass BETEN zu einer Haltung wird, zu der Art, wie ich mein Leben führe. Nicht nur um Gott sagen, was er zu tun hat, sondern um mit Gott zusammen zu sein, um zu hören, was Gott mir sagen will.

Die ersten Gemeinden aus Juden- und Heidenchristen lebten in Anfechtung und Unterdrückung. Und die Wiederkunft des Herrn, an die sie so fest glaubten, die blieb immer länger aus. Genau deshalb war ihr Glaube gefordert und herausgefordert. In diese Zeit des Suchens und Zweifelns hinein (und ich finde, unsere ist dieser Zeit in vielem ähnlich) lässt der Evangelist den Herrn seine Aufforderung sprechen, allezeit zu beten und darin nicht nachzulassen, sich nicht entmutigen zu lassen, die Nähe des Herrn zu suchen.

Das Evangelium hier illustriert dies, diese feste Zuversicht, an der Witwe und dem ungerechten Richter.Wenn schon dieser schlechte Richter letztlich nachgibt und der Frau zu ihrem Recht verhilft, wie sehr dann erst der gute Gott. Das Verhalten der Witwe ist erstaunlich. Von Furchtsamkeit oder Verzweiflung keine Spur. Diese Frau bittet nicht, sie fordert ihr Recht lautstark und beharrlich ein. Mehr noch: Sie ist penetrant, aggressiv, distanzlos. Sie nervt. Sie nervt den Richter so sehr, dass er nicht etwa ein Einsehen hat, sondern buchstäblich Angst, dass sie ihm ein blaues Auge verpasst und seine Würde herabsetzt, einen öffentlichen Skandal anzettelt. Er scheut Schmach und Schade.

Die Heilige Schrift verkündet hier (wie an so vielen Stellen) den Gott der Gerechtigkeit, dessen Gerechtigkeit nichts als Barmherzigkeit ist.

Gott ist nicht einfach der jenseitige, kalte Weltenherrscher, sondern er ist parteiisch. Er steht auf der Seite der Witwen und Waisen – also der Schwachen und Kleinen, der Marginalisierten und Zukurzgekommenen, der Opfer.

Unwillkürlich müssen wir an die Opfer heute denken: die Obdachlosen, die Einsamen, die Hungernden – auch hier bei uns, in unserm bürgerlichen Wohlstand; von den Opfern der Kriege, dem Kampf um Menschenrechte, um die Rechte der Frauen mal ganz abgesehen.

Wir alle können uns vom Herrn sagen lassen: Lasst nicht nach im Gebet und in der Hoffnung auf Gottes Güte! Betet ohne Unterlass! Und dankt ihm!

Denn Gebet ist mehr als Bitte. Der große mittelalterliche Theologe Meister Eckhart sagte: „Wenn Dein einziges Gebet, das du je sprichst, allein aus dem Wort DANKE bestehen würde, wäre das genug.“

Die jüdische Überlieferung erzählt von einem Mann, der um seines Glaubens willen verfolgt wird. Er lässt Hab und Gut zurück, um in ein Land zu fliehen, in dem er Gott dienen kann, wie es ihm gebührt. Unterwegs verliert er seine Frau und seinen Sohn. Er strandet auf einer öden Insel. Allein und geschlagen beginnt er, mit Gott zu rechten: „Du weißt, dass ich alles aufgegeben habe, um deine Gebote zu halten. Dir zuliebe wollte ich leben. Du aber hast mich wie einen Feind behandelt, mir das Liebste genommen – hast alles getan, um mich von dir abzubringen. Aber ich sage dir: Es wird dir nicht gelingen. Ich werde dich nicht lassen, ich werde dir vertrauen und dich lieben“. Solche Beter – der biblische Hiob ist einer von ihnen – fragen nicht, darf man so mit Gott reden. Sie nehmen Gott beim Wort. Ihr Vertrauen ist so stark, dass sie einfach nicht aufgeben, dass sie ihre Hoffnung auf Gott nicht aufgeben, dass sie Gott nicht aufgeben.(1)

(1) Vgl.: Gemeindebibel. Die Lesungen und Evangelien der Messfeier der Sonn- und Feiertage, Lesejahr A – B- C, mit meditativen Einführungen von Eleonore Beck. Stuttgart: Verlag Kath. Bibelwerk, 2004, S. 696.)

(Predigt in der Wort-Gottes-Feier zum 29. Sonntag im Jahreskreis C, 19.10.2025, in St. Nikolaus, Berlin-Wittenau)

Bild: Der Geist Gottes. Glasfenster in Taizé (Foto: privat)

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