Die Falle des Egoismus

Evangelium

Der reiche Kornbauer, von dem heute im Evangelium die Rede ist, macht ja erstmal nichts falsch. So wie es zu lesen ist, ist der ja kein böser Mensch. Er ist erfolgreich und überlegt; klug und plant sein Leben. Er scheint viel gearbeitet zu haben und viel geerntet. Davon kann er lange leben, und das will er absichern. Deshalb baut er größere Scheunen, um es einzulagern. Was ist daran auszusetzen?

Ich glaube auch nicht, dass Jesus es kritisiert, sich Gedanken zu machen, zu planen, wie ich mit meinem Besitz gut umgehe. Aber, und deshalb ist die erste Lesung heute so passend, in der wir aus dem Buch Kohelet hören, alles vergeht, alles ist Windhauch, nichts bleibt bestehen. „Welchen Vorteil hat der Mensch von all seinem Besitz, für den er sich anstrengt unter der Sonne?“ Alles vergeht, und angesichts dessen sagt Gott zum reichen Kornbauern: „Du Narr!“ Was nützt Dir all Dein Besitz, wenn Dein Leben noch im nächsten Moment endet. Alles, was Dir wichtig ist, woran jetzt Dein Herz hängt, wird dann jemand anderem gehören. Und nun kommt der entscheidende Satz: „So geht es einem, der nur für sich selbst Schätze sammelt.“

Als der Kornbauer hier plant, was er machen soll, welches Wort kommt da am meisten vor? Ich! Sieben Mal sagt er „ich„. Ich lasse es mir gut gehen. Ich will gut essen und trinken? Ich sage zu meiner Seele: Wie geht es mir gut? Wie habe ich möglichst lange von meinem Besitz? So dass ich mich ausruhen, und ich mich freuen kann. Die aktuelle Einheitsübersetzung bringt statt „ich sage mir“ die wörtliche Übersetzung aus dem Griechischen: „Ich sage zu meiner Seele, nun hast du einen großen Vorrat, der lange reicht.“ Das verdeutlicht noch einmal ganz besonders, worum es ihm wirklich geht: nur um sich selbst. Allein das eigene ICH soll befriedigt werden. Und das ist es, wozu Gott sagt: „Du Narr!

Nur für sich selbst Schätze zu sammeln – frei nach dem Motto: Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht. Und das gilt gar nicht nur fürs Materielle.

Von Manchen wird buchstäblich alles unter dem Aspekt gesehen: Was nützt es mir? Was habe ich davon? Wie habe ich mehr und immer mehr? Das gilt ja für alles: Fürs Besitzen von Dingen, Wertgegenständen und Geld, aber es gilt genauso für unsere Beziehungen zu anderen Menschen. Was nützen die mir? Ja sogar fürs Geistige und Geistliche gilt es oft. Denn auch da kann ich sagen: Hauptsache ich! Hauptsache meine Seele kommt in den Himmel.

Deshalb sagt Gott: „Hütet euch vor jeder Art von Habgier.“ Nichts ist für das Leben und die Menschheit zerstörerischer als die Sorge darüber, Reichtum zu erwerben, ihn abzusichern und zu vermehren, und allein darin den Sinn des Lebens zu sehen. Denn „das Problem besteht nicht so sehr im Besitz von Reichtümern selbst, [sondern] dass der (von Unsicherheit getriebene) Wunsch, diese zu erwerben und zu pflegen, uns davon abhält, sich an die Beziehung zum Nächsten zu halten und zu Gott, die die einzige Sicherheit ist, die wirklich zählt. Das Leben scheint so zerbrechlich und zufällig zu sein, dass ein großer Besitz erforderlich ist, um es abzusichern, selbst wenn die Besitztümer dann zerbrechlicher sind als das Leben selbst. Dieser Drang „untergräbt auch die Sorge für die anderen Menschen“ – und die Grundlage für jede wahre Gemeinschaft“. (vgl. dazu Brandon Byrne SJ: Die Gastfreundschaft Gottes, 2022).

Die Falle des Egoismus ist das Problem; eben alles allein auf sich zu beziehen und den eigenen Bauch – sozusagen. Aus dieser Falle will uns Gott herausholen.

Deshalb sagt er: „So geht es einem, der nur für sich selbst Schätze sammelt.“ Beim Hl. Augustinus gibt es die berühmte Definition, was Sünde ist. Martin Luther hat sie übernommen und ebenfalls bekannt gemacht. Augustinus sagt: Ein Sünder ist ein ‚in sich selbst verkrümmter Mensch‘. So wie der hier. Ein Mensch, der völlig in sich verkrümmt ist, auf sich selbst gerichtet, der nichts sieht außer sich selbst. Denn was sieht man, wenn man ‚in sich selbst verkrümmt‘ ist? Den eigenen Bauch, nur sich selbst. Erst wenn wir uns aufrichten, sehen wir die anderen. Erst wenn wir den Blick von uns wegwenden. Erst wenn wir aus der Falle des Egoismus herauskommen.

Denn am Ende meiner Tage werde ich von Gott nicht gefragt werden, wie viel ich hatte, wahrscheinlich nicht einmal, wie viel ich geleistet habe, sondern ich werde gefragt werden: Wie viel ich geliebt habe.

Sie kennen vielleicht Dostojewskis „Brüder Karamasow“. Da besucht Aljoscha Karamasow, der jüngste Bruder, den weisen Starez Sossima, einen Priestermönch, und fragt ihn, was denn die Hölle sei. Und der Starez antwortet, die Hölle sei, zu sterben und genau zu wissen, dass man nicht genug geliebt hat, und es nicht mehr rückgängig machen zu können. Die Hölle ist „der Schmerz darüber, dass man nicht mehr lieben kann.“

So ist dieser reiche Kornbauer hier nicht nur ein armer „Narr“, er erlebt buchstäblich die Hölle; ähnlich wie der Reiche im Gleichnis vom armen Lazarus: Zu wissen, dass man nur an sich selbst gedacht hat; „nur für sich selbst Schätze gesammelt hat.“

Die letzten Sonntage hindurch hat uns Jesus gezeigt, wie wir zum Leben gelangen, so wie am Beispiel des barmherzigen Samariters, indem wir Gott und den Nächsten lieben; oder wie bei den Schwestern Martha und Maria, indem wir füreinander sorgen, aber eben genauso auch seinem Wort zuhören; und letzten Sonntag im Gebet des Herrn, indem wir Gott vertrauen, uns ihm anvertrauen und ihm trauen.

Und heute eben am Beispiel des reichen Kornbauern, wie wir uns aus der Falle des Egoismus befreien. Indem wir uns aufrichten, den Blick nicht allein auf uns selbst richten und füreinander da sind.

(Predigt in der Wort-Gottes-Feier zum 18. Sonntag im Jahreskreis, 02.08.2025, in St. Katharinen, Mühlenbecker Land-Schildow)

(Bild: privat)

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