
Als ich meinen Führerschein machte, das ist jetzt fast 45 Jahre her, da betete ich vor der Prüfung: „Gott, bitte lass mich bestehen!“, und ich fiel durch. „Okay“, dachte ich, „ich gebe ihm eine zweite Chance“ und betete vor der 2. Prüfung wieder und fiel wieder durch.
Anscheinend nimmt Gott keinen Einfluss auf Führerscheinprüfungen, könnte man schließen, oder es ist ihm egal, oder Gebete helfen sowieso nichts. Ich würde eher sagen: Ich war einfach zu leichtsinnig im Verkehr und konnte noch nicht genug, und es war gut, dass ich beim Autofahren noch dazulernte. Gott ist mit Sicherheit keine Wunsch-Erfüllungs-Maschine: Oben wirft man die Bitte rein, unten kommt der erfüllte Wunsch raus. Die Führerscheinprüfung mag man für ein lächerliches Beispiel halten, aber wie oft ist es in weitaus existenzielleren Situationen so: Wenn zum Beispiel am Krankenbett der sterbenden Mutter oder der Tochter gebetet wird: „Gott, lass alles wieder gut werden! Mach sie wieder gesund!“, und es geschieht doch, dass sie stirbt.
Da fragen wir uns dann schon: Aber hier steht doch, wir sollen bitten, wir sollen sogar zudringlich werden, und es wird uns geöffnet. Wie sollen wir also bitten oder beten? So wie die Jünger Jesus im heutigen Evangelium bitten: „Herr, lehre uns beten?“ Und Jesus gibt ihnen und uns als Antwort das VATERUNSER; sein Gebet, das Gebet des Herrn, wie wir deshalb sagen. Das ist die Antwort, wie wir beten sollen?
Jetzt müsste man zu jeder der Bitten ganz viel sagen; hier im Lukas-Evangelium sind es fünf Bitten (im Matthäusevangelium sind es sogar sieben): „Mach, dass Dein Name geheiligt wird! Mach, dass Dein Reich kommt! Gib uns heute das Brot, das wir so nötig brauchen. Erlass uns unsere Sünden, unsere Schuld! Und führe uns nicht in Versuchung.“ „Sogar dann noch!„, könnte man ergänzen. Ganz klare, ehrliche Bitten, fast kindliche Bitten. Gott soll all das machen. Aus ihnen spricht Vertrauen, bedingungsloses Vertrauen! Etwas, was uns im Alltag so oft so schwerfällt; Vertrauen in einen Gott, der all das macht.
Denn wie oft zweifeln wir? Und es gibt kluge theologische Studien, die uns sagen: Gottes Allmacht besteht nicht darin, dass alles so passiert, wie wir es uns wünschen. Sondern seine Allmacht heißt, er ist in allem, was passiert, immer dabei.
Für die Führerscheinprüfung musste ich schon selbst lernen. Aber der Glaube sagt uns: Egal wie sie ausgeht: Gott ist dabei; er verlässt uns nicht; er trägt uns und begleitet uns, so wie ein liebender Vater. Jesus nennt Gott „Vater“, „abba“, also besser: „Papa“. So, wie wir als Kinder unseren Vater ansprechen od. angesprochen haben. Und in den allermeisten Fällen ist es ja so: Als Kinder haben unseren Eltern vertraut, grenzenlos; dass sie es gut mit uns meinen, dass wir ihre geliebten Kinder sind. Und in den allermeisten Fällen wurde dieses Vertrauen auch nicht enttäuscht. So wie ein liebender Vater, so ist Gott zu uns: Das lehrt uns Jesus hier. Wir sind nicht nur die geliebten Kinder unserer Eltern, sondern immer auch Gottes geliebtes Kind. Für immer. Das ändert sich nie. Das ist es, was uns in der Taufe zugesagt wird: Wir haben es eben in der zweiten Lesung gehört: Egal wie „tot“ wir sind, wir sind mit Christus auferweckt. Wir sind geliebte Kinder Gottes.
Ich weiß, es gibt Fälle, wo sich Kinder nicht geliebt gefühlt haben, wo gerade Väter nicht genug geliebt haben. Vielleicht versagt haben; aus welchen Gründen auch immer. Wer so eine Vatererfahrung gemacht hat, wird Probleme mit dem Wort „Vater“ hier haben. Aber Jesus sagt hier: Gott ist wie ein bedingungslos liebender Vater. Er enttäuscht nicht. Sein Vater und unser Vater. Und egal wie unsere eigenen Erfahrungen mit unseren Eltern waren, klar ist:
Niemand von uns ist der Ursprung seiner selbst. Das gilt ganz biologisch: Niemand hat sich selbst geschaffen. Wir alle sind ein Sohn oder eine Tochter; wie alle haben Vater und Mutter. Es macht unser Menschsein aus. Bis heute, denn wir wissen nicht, was die Zukunft da biologisch bringen wird. Und egal, ob wir Vater und Mutter mögen oder nicht, ob wir eine schöne Kindheit hatten oder nicht: Ohne diese allerersten Beziehungen gäbe es uns nicht. Unser Menschsein macht es aus, geboren zu sein. „Natalität“ hat Hannah Arendt es genannt. Und wir Christen glauben: So wir zu Vater und Mutter eine ganz ursprüngliche Beziehung haben, weil es uns nicht gäbe ohne sie, so ist es auch mit Gott. Wir können auch zu Gott „Du“ sagen und wir sind auch seine Kinder, er ist unser aller Ursprung. Deshalb betet Jesus: „Unser Vater!“ Nicht: Mein Vater! Deshalb können wir ihn so ansprechen: „Vater“.
Es gibt und es gab (gerade auch in unserer Kirche) Gottesbilder, die den bösen Vater predigten, den strafenden Vater, den Kontroll-Vater, der alles prüft, ob es die Kinder richtig oder falsch gemacht haben, und danach seine Liebe verteilt.
Sie kennen vielleicht von Franz Kafka den „Brief an den Vater“, ein fürchterliches Beispiel, wo jemand machen kann, was er will und niemals dem Vater genügen wird. Wie viele Menschen sind mit genau so einem Gottesbild aufgewachsen? Jesus zeigt uns einen Gott, dem er bis ins letzte vertraut. Auch am Ende, auch im Schlimmsten, am Kreuz: Auch wenn er mit den Psalmen glaubt, verlassen zu sein, auch dann vertraut er sich diesem Gott, seinem Vater und unserem Vater an; wie ein Kind: In Deine Hände lege ich mich; voll Vertrauen. Das Gleichnis hier sagt nichts anderes: Dem liebenden Vater vertrauen, wenn man um ein Ei bittet oder ein Stück Brot. So bitten wie ein Kind, so glauben wie Kind! Ich weiß, wie schwer das ist, wo wir doch umgeben sind von Leid und Ungerechtigkeit. Wie schwer fällt es uns da, dieses Vertrauen aufzubringen?
Als ich meine Führerscheinprüfung machte, wurden meine Gebete anscheinend nicht erhört, meine Wünsche nicht erfüllt. Und doch sollen wir beten und bitten? Dann vielleicht um Wichtigeres? Ich denke, die Antwort steht am Ende dieses heutigen Evangeliums. Denn Gott erfüllt unser Bitten am meisten, indem er uns seinen Geist schenkt, den Geist, der uns glauben und lieben lässt und die Welt (so gut wir Menschen es eben können) mit seinen Augen sehen lässt.
Wir Christen haben einen unschätzbaren Vorteil: Wir glauben, dass Jesus, der Mensch Jesus, der gelebt und gelitten hat wie wir, dass dieser Jesus uns Gott genau so zeigt wie er ist. Der Gründer von Taizé, Roger Schutz, hat einmal gesagt: „Gott kann nichts außer lieben.“ Daran glauben wir Christen. Wir glauben, dass dieser, unser Vater, uns in jeder Situation, und sei in unseren Augen so noch ausweglos, auch dann bedingungslos liebt, also vor jeder Leistung, „vorleistungsfrei“, hat Benedikt XVI. gesagt. Egal, was ist, wir sind geliebte Kinder Gottes. Deshalb: „Wenn ihr betet, sagt: Vater!“ (Lk 11,2).
(Predigt in der Wort-Gottes-Feier zum 17. Sonntag im Jahreskreis C, 26.7.2025, in St. Hildegard, Berlin-Frohnau)
(Bild: Rembrandt, Der barmherzige Vater, um 1670, Eremitage, Sankt Petersburg; Foto: privat)